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Tödliches Flüchtlingsdrama: Politiker fordern Umdenken

Tödliches Flüchtlingsdrama: Politiker fordern Umdenken

"Es ist wie in einem Horrorfilm"

Am Tag nach der Katastrophe herrscht Staatstrauer in Italien. Es ist eine der schlimmsten Flüchtlingstragödien der vergangenen Jahre: Mehr als 100 Menschen sind vor der italienischen Insel Lampedusa ertrunken, nachdem ihr Boot gekentert ist. Noch immer werden Hunderte vermisst. Politiker fordern jetzt eine humanere Einwanderungspolitik. Italien fühlt sich mit dem Flüchtlingsproblem allein gelassen und will Hilfe von der EU.

Flüchtlinge auf der italienischen Insel Lampedusa.
Politiker fordern eine humanere Flüchtlingspolitik.
dpa, Ettore Ferrari

Das gesunkene Boot liegt etwa eineinhalb Meilen vor der Insel Lampedusa in rund 40 Meter Tiefe. Mehrere Taucher drangen bereits zu dem Wrack vor. "Es ist wie in einem Horrorfilm, da unten ist eine Masse von eingeklemmten Körpern, einer über dem anderen im Laderaum", sagte Taucher Rocco Canell. Italienische Politiker machen sich jetzt für ein Umdenken in der Flüchtlingspolitik stark. "Wir werden laut unsere Stimme in Europa erheben, um die Regeln zu ändern, die die ganze Last der illegalen Einwanderung auf die Länder des ersten Eintritts abwälzen", sagte Innenminister und Vize-Regierungschef Angelino Alfano.

Auch Bundespräsident Gauck appelliert an die EU, Flüchtlingen einen besseren Schutz zu gewähren. "Wegzuschauen und sie hineinsegeln zu lassen in einen vorhersehbaren Tod, missachtet unsere europäischen Werte", so Gauck.

Aus Sicht der EU-Kommission ist jetzt Rom am Zug. "Kann man mehr tun? Ja, aber das ist eine Sache der Mitgliedsstaaten", sagte der Sprecher von EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström. Die Kommission handle nur auf Bitte aus betroffenen Ländern. Die EU helfe bereits, beispielsweise beim Grenzschutz im Mittelmeer. "Man darf sich da keine Illusionen machen", betonte der Sprecher. "Es ist angesichts des Einwanderungsdrucks, dem wir ausgesetzt sind nicht realistisch zu denken, dass man jede Tragödie oder jeden Tod im Mittelmeer vermeiden könne." Es gehe darum, Boote auf ihrem Weg nach Europa früher ausfindig zu machen.

Ein EU-Diplomat schloss aus, dass sich an der sogenannten Dublin-Verordnung demnächst etwas ändern könnte. Sie legt fest, dass in der Regel jener europäische Staat sich um Asylbewerber kümmern muss, auf dessen Gebiet sie ankommen. "Wir haben keinerlei Illusionen, dass das geändert werden kann", so der Diplomat.

"Sie konnten nicht schwimmen, sie wussten nicht wohin"

Vor Lampedusa gehen die Rettungsarbeiten unterdessen weiter. Im Hafen tragen Helfer Leichen davon, Dutzende weitere Tote liegen noch auf dem Meeresboden. Am Morgen erreichte eine Fähre mit Särgen für die zahlreichen Opfer die Insel.

Das 20 Meter lange Boot war mit mehr als 500 Menschen völlig überfüllt. Kurz vor der Küste hatte es einen Defekt und konnte nicht weiterfahren. Um auf sich aufmerksam zu machen, entzündeten die Flüchtlinge eine Decke. Doch das Feuer geriet außer Kontrolle. Auf dem Boot brach Panik aus, es kenterte. Hunderte Menschen stürzten ins Meer, viele der Migranten aus Eritrea und Somalia ertranken. "Sie konnten nicht schwimmen, sie wussten nicht wohin", sagt Italiens Außenministerin Bonino. Ein Fischer, der 47 Menschen rettete, schilderte dramatische Szenen: "Hunderte nach oben gestreckte Arme, Menschen, die versuchten, sich mit Plastikflaschen oder Fischkästen über Wasser zu halten, Hilfeschreie".

Es ist das zweite Drama innerhalb weniger Tage. Bereits am Montag waren 13 Flüchtlinge vor der Küste Siziliens ertrunken, als sie versuchten, zum Ufer zu schwimmen. Italien ist schockiert und sucht nach Antworten. "Beten wir für die Opfer des tragischen Schiffbruchs vor Lampedusa", schrieb Papst Franziskus auf Twitter. Das erneute Flüchtlingsdrama sei eine "Schande". Der Papst hatte die Insel im Juli selbst besucht und eine "Globalisierung der Gleichgültigkeit" angeprangert.

Vor allem der Bürgerkrieg in Syrien und Unruhen nach dem Arabischen Frühling treiben viele Menschen aus ihren Heimatländern nach Europa. Tausende versuchen jedes Jahr, der Armut und der Gewalt zu entfliehen, und riskieren ihr Leben für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft in Europa. Meist sind ihre Boote kaum seetüchtig und völlig überfüllt, immer wieder kommt es zu tödlichen Katastrophen. In den vergangenen 25 Jahren starben Schätzungen zufolge mehr als 19.000 Flüchtlinge bei der Überfahrt.