Timo Werner: Doppel-Torschütze mit Doppel-Leben

© picture alliance / Herbert Rudel, Herbert Rudel

15. November 2013 - 14:50 Uhr

Er spielt, trifft und verzückt - nur reden darf er nicht: Timo Werner ist einer der Shootingstars der noch jungen Saison. Trotz seiner 17 Jahre ist das Stuttgarter Eigengewächs aus der Mannschaft des VfB praktisch nicht mehr wegzudenken. Beim DFB hat man den Youngster schon längst auf dem Zettel, doch der hat gerade ganz andere Sorgen.

Es passte eigentlich so gar nichts ins Bild, als Werner am Sonntag den Rasen verließ. Mit zwei Toren beim 3:1-Sieg des VfB Stuttgart der Matchwinner, schleppte er den Medizin-Koffer des Mannschaftsarztes, anstatt sich vor die Mikrofone zu stellen und sich auf die Schulter klopfen zu lassen. "Ich darf nichts sagen", waren die einzigen Worte von Werner, den die Verantwortlichen erst einmal einen Maulkorb verpasst haben.

Dabei hätte der gebürtige Stuttgarter wahrscheinlich viel zu erzählen. Wie es ist, der jüngste Doppel-Torschütze in der Bundesliga aller Zeiten zu sein. Wie es sich anfühlt, mit seinen 17 Jahren schon eine entscheidende Rolle bei einem Traditionsverein wie dem VfB zu spielen. Wie schwer oder leicht es ihm fällt, sein Abitur neben seinem Beruf als Fußball-Profi zu machen.

Aber spätestens nach seinem Gala-Auftritt vom Wochenende sind die Macher in Stuttgart darum bemüht, ihr Mega-Talent aus dem Fokus zu nehmen. "Der Junge macht Spaß. Wir müssen ihm aber weiter Zeit zum Wachsen geben", sagt Sportvorstand Fredi Bobic. Trainer Thomas Schneider findet auch nur lobende Worte, hält es aber für "wichtig, dass wir ihn dosiert einsetzen". Das Problem: Der VfB kommt an diesem jungen Mann so langsam gar nicht mehr vorbei.

In dieser Saison sind es schon 14 Pflichtspiele, die Werner absolviert hat. In der Bundesliga kam er auf zehn Einsätze, erzielte dabei drei Tore - und hat auch hier eine Bestmarke aufgestellt: Werner ist der jüngste Profi, dem so viele Treffer in einer Spielzeit gelangen. Dass dieser Rekord in den nächsten Monaten mehrfach von ihm persönlich gebrochen wird, daran zweifelt wohl niemand. "Er hat Zug zum Tor, er hat diesen absoluten Willen", beschreibt Trainer Schneider das Eigengewächs, das den Torriecher nicht erst in dieser Runde gefunden hat.

Werner verzückt schon den Bundestrainer

Denn eigentlich ist der 1,80 Meter große Blondschopf gelernter Mittelstürmer. Geboren im Stadtteil Bad Canstatt, einen Steinwurf vom Stuttgarter Stadion entfernt, wechselte der Angreifer schon als F-Jugendlicher vom TSV Steinhaldenfeld zum VfB. Dort durchlief Werner alle Jugendmannschaften und rückte vergangene Saison schon zu den A-Junioren auf, obwohl er eigentlich auch noch in der B-Auswahl hätte spielen können. Die beeindruckenden Zahlen zum Saisonende: Werner schoss in 24 Spielen 24 Tore und krönte sich damit zum Torschützenkönig der U19-Bundesliga Süd/Südwest.

Kaum verwunderlich, dass der DFB den Youngster schon längst auf dem Zettel hat. Kurz nach seinem Debüt bei den A-Junioren des VfB durfte er auch bei der U19 zeigen, was er kann. Im ersten Spiel gegen Dänemark traf Werner prompt. Danach war er feste Größe bei den DFB-Bubis, die auch Joachim Löw ganz genau verfolgt. Der Bundestrainer saß auch am Sonntag auf der Tribüne, als Werner erst einen tollen Solo-Lauf vollendete und Freiburg dann kurz vor Schluss den Knockout versetzte. "Das hat er überragend gemacht", urteilte Löw.

Bevor ein Anruf des Bundestrainers ins Haus steht, wird aber wohl noch ein bisschen Wasser den Neckar herunterfließen. Bis dahin widmet sich Werner seinen Aufgaben beim VfB und dem Abitur, das der Youngster parallel macht. Morgens geht es von 7.45 Uhr bis 9.20 Uhr in die Schule, danach wird der Profi vom Vater zum Vormittags-Training chauffiert, bevor wieder Unterricht ansteht - ein Spagat zwischen Schule und Sport, den Werner bisher offenbar ganz ordentlich meistert.

Bei seinem bisher einzigen öffentlichen Auftritt vor wenigen Pressevertretern ließ er aber durchblicken, was in seinem Doppelleben im Fokus steht. Durch die Abi-Prüfungen "will ich einfach durchkommen. Aber meine Leute zu Hause möchten auch einen guten Schnitt haben", erzählt Werner, dem der Rummel um seine Person selbst gar nicht so recht ist. Wenn Fünft- oder Sechstklässler in der Pause nach einem Autogramm fragen, lehnt er ab. "Das käme blöd rüber. Ich bin immer noch ein ganz normaler Schüler" - und schon jetzt ein richtig guter Fußballer.