Tim Wiese: Ein Show-Keeper auf der Suche nach Visitenkarten

War in seiner Hoffenheimer Zeit überwiegend in Zivil unterwegs: Tim Wiese.
War in seiner Hoffenheimer Zeit überwiegend in Zivil unterwegs: Tim Wiese.
© dpa, Uwe Anspach

21. September 2014 - 21:00 Uhr

Ein Kommentar von Manuel Lippert

Frei! Endlich frei! Mit diesen Worten dürfte Tim Wiese am gestrigen Abend seinen Spint im Trainingszentrum der TSG 1899 Hoffenheim geräumt haben. Nach anderthalbjährigem Missverständnis einigte sich der ewig ambitionierte Club aus Sinsheim mit einer der schillerndsten Figuren der Torwartzunft auf eine Auflösung seines bis 2016 gültigen Vertrags und versüßte dem 32-Jährigen den Abschied mit einer Abfindung in Höhe von ca. sechs Millionen Euro.

Einst nach zahlreichen Eskapaden in die Trainingsgruppe 2 verbannt, darf Tim Wiese nun wieder in die Welt hinaus. Als vermeintlich freier Mann. Doch ob es das Leben dabei gut mit ihm meint, ist Ansichtssache.

Dass Tim Wiese polarisiert, ist ein alter Hut. Auch seine ausgeprägte Affinität zu Haar-Gel, Solarium und sonstigen Accessoires dürfte mittlerweile nur noch ein mitfühlendes Lächeln hervorrufen. Vielleicht sogar bei ihm selbst. Doch für Tim Wiese geht es im Herbst seiner Karriere vor allem und wieder mal um seine sportliche Zukunft – und genau da liegt der Hase im Pfeffer.

Glaubt man Tim Wieses Lebensmotto, das er auf seiner Homepage verkündet, lebt man nur einmal. Entsprechend hat sich der in Bergisch Gladbach geborene Show-Keeper in seiner Laufbahn bisher auch präsentiert. Unvergessen seine Kung-Fu-Tritte, mit denen er wie ein Berserker seinen Strafraum verteidigte, als wäre er sein höchstes Hab und Gut. Gleichfalls unvergessen seine Patzer, bei denen er stets Spektakel säte und oft genug unnötige Gegentore erntete. Legendär seine Sprüche, mit denen er sich dem Gegenwind der Welt breitbrüstig (ein Tim Wiese ist schließlich auch innerlich durchtrainiert) entgegenstellte. Was Tim Wiese auch tat und was Tim Wiese auch war: Er war Kult. Fragwürdiger Kult, aber Kult.

"Ich gebe jede Woche eine Visitenkarte ab", sagte der ehemalige Schlussmann von Werder Bremen einmal. Man darf hoffen, dass er noch welche übrig hat, denn jetzt braucht er dringend welche. Viele sogar. Jobsuche ist nun mal kein Zuckerschlecken. Dabei ist die Liste der Vereine, die sich perspektivisch über einen guten Mann zwischen den Pfosten nicht beklagen würden, lang. Gladbach, Bremen, Schalke – um nur einige zu nennen. Fragt sich nur, ob ebenjene Clubs in Tim Wiese einen guten Mann sähen.

Köln und Wiese passt doch wie die Faust aufs Auge

Aber ist die Bundesliga für Tim Wiese überhaupt noch der Ort, an dem er sich wohlfühlen und aufblühen kann? Wo er zeigen kann, welch unbändiges Potenzial wirklich in ihm steckt? Als der sechsmalige Nationaltorhüter im Frühjahr 2012 seinen Abschied aus Bremen ankündigte, machten die ganz großen Namen die Runde. Real Madrid war mit dabei. Tim Wiese inszenierte fleißig mit. Ein Verein sollte es werden, der dauerhaft Champions League spielt.

Sodann landete er in Hoffenheim, spielte zunächst unteres Tabellendrittel, dann Tribüne. Von dort aus gesehen wäre es schon ein großer Schritt, unterklassig zu spielen. Hauptsache überhaupt irgendwo dauerhaft spielen. Warum nicht Regionalliga? Fortuna Köln? Aufstiegskandidat Nr. 1? Zudem der Verein, bei dem er 1999 seine aktive Laufbahn begonnen hat.

Oder gar zum 1. FC Köln? Ebenfalls Aufstiegskandidat Nr.1, allerdings in die 1. Liga? Auch dort wabert die T-Frage hartnäckig durch den Raum. Timo Horn, als möglicher Kandidat auf die Nachfolge von Marc-Andre ter Stegen beim Erzfeind aus Mönchengladbach gehandelt, könnte die Handschuhe im fliegenden Wechsel übergeben.

Dabei spricht vieles für den FC, schließlich ist der Club jedweder Kultfigur stets verdächtig schnell ergeben. Ein prächtiger Nährboden für Helden a la Tim Wiese, der nie müde wurde zu betonen, sich in der Rheinmetropole heimisch zu fühlen. Eine hohe Sonnenbank-Dichte kann die Stadt ebenfalls aufweisen. Vielleicht schließt sich für Tim Wiese so der Kreis. Es wäre ihm von Herzen zu wünschen.