Tihange: Marodes belgisches Atomkraftwerk an deutscher Grenze deutlich gefährlicher als bislang bekannt

01. Februar 2018 - 19:07 Uhr

Umweltministerin warnt, Tihange weiter zu betreiben

Ist das belgische Atomkraftwerk Tihange noch sicher? Schon in der Vergangenheit mussten die Atomreaktoren heruntergefahren werden - Prüfer hatten Tausende Risse entdeckt. Doch offenbar ist das AKW nahe der deutschen Grenze in der Nähe von Aachen noch weit gefährlicher, als bislang bekannt. Die Bundesregierung ist machtlos.

Insgesamt acht Precursor-Vorfälle in Tihange 1

Das belgische Atomkraftwerk Tihange
Das umstrittene Atomkraftwerk Tihange in Belgien liegt nahe der deutschen Grenze.
© dpa, Oliver Berg, obe fdt wok soe sab

In den Jahren 2013 bis 2015 soll es insgesamt acht solcher Ereignisse im Atomreaktor Tihange 1 gegeben haben. Bislang standen vor allem die Reaktoren 2 bei Lüttich und Doel 3 im Zentrum der Aufmerksamkeit. Jetzt aber verunsichern die Berichte über Precursor-Vorfälle in Reaktor 1. Bei einem 'Precursor' (deutsch: Vorbote) handelt es sich um einen Zwischenfall in einem Atomkraftwerk, der unter bestimmten Voraussetzungen zu schweren Schäden am Reaktorkern bis hin zur Kernschmelze führen kann. Ähnliches passierte vor 30 Jahren in Tschernobyl, auch damals gab es Vorboten, die vermutlich ignoriert wurden.

Die rheinland-pfälzische Umweltministerin Ulrike Höfken (Grüne) warnte, die Anlage weiter zu betreiben. Ein Unfall in dem nur 80 Kilometer von Rheinland-Pfalz entfernten Reaktor "hätte nicht nur eine Strahlenbelastung der Menschen, sondern auch die radioaktive Kontaminierung von Boden, Wasser und Nahrungsmitteln in der gesamten Region zur Folge", sagte Höfken. "Der Weiterbetrieb des Reaktors Tihange 1 ist sehr riskant und unverantwortlich", sagte die Ministerin, "ebenso wie der Betrieb von Tihange 2."

Sicherheit von Tihange ist belgische Aufgabe

Reaktor Doel
Kühltürme des Atomkraftwerks Doel Foto: Oliver Berg
© deutsche presse agentur

Kommt es zum Supergau, wäre auch Deutschland betroffen. In einem Umkreis von 65 Kilometern müssten Menschen evakuiert werden, bis zu 100 Kilometer die Betroffenen teilweise über Wochen im Haus bleiben und im Radius von 200 Kilometern würden Jodtabletten zur Krebsvorsorge verteilt. Höfken forderte den Bund auf, die Exporte von Brennelementen aus Deutschland für die belgischen Atomkraftwerke ebenso zu stoppen wie die nach Frankreich. Bisher standen vor allem Tihange 2 bei Lüttich und Doel 3 bei Antwerpen wegen Tausender Haarrisse in den Reaktordruckbehältern im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

Sowohl die Bundesregierung wie auch die Landesregierung in NRW haben schon mehrmals die Stilllegung der Reaktoren in Belgien gefordert. Die Sicherheit von Tihange ist aber eine nationale Aufgabe und liegt in der Verantwortung unseres Nachbachlandes Belgien. Und deren Atomaufsichtsbehörde FANC scheint die Sicherheit der Reaktoren nicht anzuzweifeln. Man könne "garantieren, dass der Betreiber und die FANC die Sicherheit dieses Reaktors gewährleisten", erklärte die Behörde dem WDR.

Wie die Menschen an der Grenze zu Belgien mit der Gefahr umgehen, sehen Sie im Video.