Thüringen lockert Betretungsverbot für Kitas und Schulen

Überlasst Corona-Diagnosen bitte den Medizinern!

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14. Juli 2020 - 9:48 Uhr

Ein Kommentar von Laura Koch

Eine weitreichende Entscheidung, die Thüringen gerade getroffen hat: Schniefende oder hustende Kinder haben jetzt nicht mehr automatisch ein Verbot, ihre Kita oder Schule zu betreten. Und das in Zeiten von Corona. Unsere Autorin bekommt da Bauchschmerzen.

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Schulverbot nur mit eindeutigen Corona-Symptomen

Ab dem 16. Juli werden die Betretungsverbote in Thüringens Schulen und Kitas gelockert. "Allgemeine Erkältungssymptome, wie Husten, Fieber und Halsschmerzen" führen demnach nicht mehr automatisch zu einem Betretungsverbot, nur eindeutige Corona-Symptome. Der Grund dafür seien zum einen die zurückgegangen Covid-19-Infektionsraten in Thüringen, teilte das Landesbildungsministerium RTL mit. Ein anderer, dass Kinderärzte vollkommen überlastet seien. 

Bislang brauchten Eltern eine "Unbedenklichkeitsbescheinigung" der Ärzte, um ihre Kinder in Schulen oder Kitas zu schicken, wenn diese auch nur kleinste Husten- und Schnupfenssymptome zeigten. Die braucht es jetzt nicht mehr. Die Einrichtungsleitungen sollen nun selbst entscheiden, ob ein Kind reindarf oder nicht.

Ich kriege Bauchschmerzen bei dieser Entscheidung, weil ich mehrere Bedenken habe.

Schon vor Corona waren kranke Kinder in der Kita nicht cool

Seien wir ehrlich:  Schon vor Corona haben wir uns über die Eltern geärgert, die ihre Kinder mit Rotznase und Fieber in die Kita gebracht haben. Es gab manchmal böse Blicke, vielleicht sogar ein kurzes Gespräch ("Du, der Paul ist doch total erkältet, der steckt ja alle an. Kannst du ihn nicht zu Hause lassen?"). Wenn kranke Kinder dann trotzdem in der Kita geblieben sind, übten wir uns in Verständnis ("Naja, Kinder brüten ja ständig was aus, die Eltern müssen ja auch zur Arbeit", etc.). Dann schickten wir Stoßgebete zum lieben Gott, unser Kind möge gesund bleiben, sodass wir nicht unseren Chef anrufen müssen ("Sorry, mein Kleiner ist krank, ich kann heute nicht kommen.").

Doch wir sind in Corona-Zeiten. Und Covid 19 ist eben keine Erkältung, die mit Wadenwickel, Süppchen oder Medi-Grippo-Irgendwas heilbar ist. Noch ist dieser Virus für uns alle nicht ganz einschätzbar. Das zeigt sich auch darin, dass die Symptome von Corona, Grippe und Erkältungen sich für den Laien kaum unterscheiden. Da richte man sich selbstverständlich nach den Angabe des Robert-Koch-Instituts, sagte ein Sprecher des Thüringer Bildungsministeriums zu RTL.

Diese listen allerdings quasi alles, was die gemeine Grippe/Erkältung auch ausmacht. Sogar Bindehautentzündung und Hautausschlag. Jaja, aber der Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns sei ein Zeichen. Das ist bei jeder Erkältung gefühlt auch so. Außerdem: Wie soll ich denn meinen Zweijährigen zuverlässig einschätzen lassen, ob er sein Käsebrot noch schmecken kann oder sein Tee noch nach Fenchel-Anis-Kümmel riecht?

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Wir wissen noch zu wenig über das Virus

Ich weiß, es gab jüngst Studien, des Landes Baden-Württemberg zum Beispiel, nach denen sich Kinder nicht so häufig mit Corona anstecken, wie Erwachsene und auch meist nicht so schwere Verläufe haben. Ich kenne aber auch die Studie aus Schweden, nach der sich Kinder nicht weniger häufig angesteckt haben, als ihre Eltern. Bislang konnte auch noch keine Studie beantworten, ob die Kleinen genauso ansteckend sind, wie Erwachsene.

Und das ist genau der Punkt: Wir als Gesellschaft wissen noch zu wenig über den Virus, auch die Experten. Doch bei allem Respekt, wenn jemand eine Einschätzung der Symptome meines Kindes geben kann, ist es doch eher mein Kinderarzt als mein Kitaleiter. Und die Schulen und Kitas mit derartigen Entscheidungen quasi alleine zu lassen, finde ich unverschämt.

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