Thomas de Maizière im RTL-Interview zur Fluchtbewegung 2015

"Unterm Strich gesehen haben wir mehr richtig als falsch gemacht"

16. Juli 2020 - 9:59 Uhr

Fünf Jahre ist die Fluchtbewegung her

Thomas de Maizière war 2015 Bundesinnenminister, als fast 900.000 Menschen die Zuflucht in Europa suchten, davon mehrere Hunderttausend in Deutschland. Fünf Jahre später ist er weiterhin von seinem Handeln überzeugt: "Die Entscheidung, die Grenzen nicht zu schließen… und den Flüchtlingen zu helfen, war richtig", sagt er im Interview mit RTL. Das ganze Interview sehen Sie im Video.

De Maizière hörte nicht auf die Kritiker

Für die Grenzöffnung, ohne vorherige Identitätsprüfung bei der Einreise, erntete er viel Kritik. Gegner bemängelten, dass es dadurch zu Sicherheitsproblemen kommen würde. "Überrollt worden" sei man allerdings nicht, sagt der ehemalige Innenminister. Doch den Takt für die Entscheidung hätten die Flüchtlinge gegeben. Man habe die Geflüchteten aber nicht an der Grenze zurückhalten wollen: "Mir war klar, dass wir uns in einem ethischen Dilemma befinden. Es gehörte zu den schwierigsten Entscheidungen in meinem politischen Leben."

Die Frage, ob die Entscheidung, die Grenzen nicht zu schließen, eine sei, auf die man stolz sein könne, verneint der Politiker. Auf seine Beteiligung bei der Deutschen Einheit beispielsweise sei er stolz, aber: "In diesem Jahr gab es keinen Grund, stolz zu sein. Alles in allem war das ein Management von Problemen und nichts, worauf man stolz sein könnte."

"Es war klar, dass die schwangere Frau auf ihrer Flucht vergewaltigt wurde"

Flüchtlinge
Flüchtlinge überqueren im November 2015 die Grenze von Österreich nach Deutschland. Foto: Sebastian Kahnert
© deutsche presse agentur

Auch für ihn persönlich sei es eine schwierige Situation gewesen: "Ich bin Familienvater, ich bin Christ und war Bundesinnenminister. Das musste man zusammenbringen… im Zweifel muss die Verantwortung als Minister Vorrang haben." Teilweise habe er seine Gefühle zurückstecken müssen, um so politische Entscheidungen zu fällen. Einzelschicksale müsse man versuchen, auszublenden.

Ein Schicksal einer geflüchteten Frau ging ihm damals aber trotzdem besonders ans Herz. Bis heute habe er das nicht vergessen: "Es war klar, dass die schwangere Frau auf ihrer Flucht vergewaltigt wurde… das hat mich sehr bewegt." Solche Schicksale waren leider keine Seltenheit. Gerade Frauen hatten es auf ihrem Weg nach Deutschland sehr schwer. 

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