Der Mythos um Kassandra

The Cassandra Complex: Frontmann Rodney Orpheus im Interview

© Daniela Vorndran, www.black-cat-net.de

13. August 2019 - 15:47 Uhr

Nach über 30 Jahren kein bisschen müde

Von Mirjam Wilhelm

Seit den Achtzigern sind The Cassandra Complex Kult. Auch heute haben sie nichts von ihrer Magie eingebüßt. Bei ihren Live-Auftritten gibt die Band alles, der charismatische Frontmann Rodney Orpheus rockt die Hallen, zieht die Fans in seinen Bann und wirft sich beim Stagediving auch mal in deren starke Arme. Im telefonischen Interview verrät er uns, woran er aktuell arbeitet und was Die Krupps mit der Gründung von The Cassandra Complex zu tun haben.

Für 2020 ist ein neues Album von The Cassandra Complex geplant

The Cassandra Complex 2019
The Cassandra Complex beim Wave-Gotik-Treffen in Leipzig 2019
© Daniela Vorndran, www.black-cat-net.de

Ihr habt gerade "Hello America"* von 1985 remastered und neu als Download veröffentlicht. Warum habt ihr euch für dieses Album entschieden?
Rodney Orpheus: "Hello America" ist eine Compilation von unserer zweiten und dritten EP. Es sind unsere ältesten Songs und es war unsere erste Veröffentlichung in Amerika. "Hello America" ist außerdem ein Buch von J.G. Ballard, einem Autor, der großen Einfluss auf uns hatte. Ich liebe Science Fiction! Jetzt im Augenblick arbeite ich an dem Remaster unseres ersten Albums "Grenade". Mit der neuen Technik kann ich die Stücke jetzt so bearbeiten, dass sie wirklich so klingen wie im Studio. Ich bin sehr glücklich über die Remaster, die hören sich wirklich richtig gut an.

Arbeitet ihr derzeit auch an neuen Songs?
Rodney Orpheus: Auf unserer letzten großen Tour vor ein paar Jahren haben wir schon neue Stücke gespielt, die aber noch nicht veröffentlicht. 2017 haben wir mit den Aufnahmen begonnen, aber dann wurde ich sehr krank, konnte nicht mehr singen. Damit waren unsere Pläne erstmal hinfällig. Aber jetzt bin ich gottseidank wieder gesund und voller Energie! Jetzt kann es weitergehen. Und wir haben noch etwas Besonderes vor – da möchte ich aber noch nichts verraten! Ein neues Album ist aber für 2020 geplant.

Sind eure Fans aus den 80ern heute auch noch auf euren Konzerten? Sind sie mitgewachsen, oder gibt es mehr neue Fans?
Rodney Orpheus: Beides. Und darüber bin ich sehr glücklich. Es ist so schön, die Fans von früher zu sehen, wie sie uns immer noch unterstützen. Aber es kommen auch viele junge Fans dazu. Neulich kam nach einem Festival-Auftritt in London eine Gruppe von Teenies zu uns und meinten, "ihr seid die beste neue Band, die wir gesehen haben!" (lacht). Sie haben ja keine Ahnung, wie lange es uns schon gibt! Aber schön, dass unsere 30 Jahre alten Songs immer noch so modern klingen! Da waren wir unserer Zeit schon voraus.

Wie siehst du die heutige Musikszene?
​​Rodney Orpheus: Die ist sehr interessant. Die jungen Leute haben nicht mehr so stark voneinander abgegrenzte Gruppen. Früher gehörte man entweder zur Goth-Szene, oder zum HipHop oder Industrial etc. Aber jetzt, auch bei meiner Arbeit mit jungen Leuten, sehe ich, dass das viel offener ist. Man kann jetzt also alles haben, von jedem etwas. Die musikalischen Grenzen verschwinden. Mit The Cassandra Complex waren wir auch nie in einer bestimmten Ecke. Wir wollten immer das machen, was wir gut fanden, egal ob Gothic, Industrial oder was auch immer.

Ohne Die Krupps gäbe es The Cassandra Complex vielleicht gar nicht

Rodney Orpheus bei einem Auftritt mit The Cassandra Complex 1989 in Dortmund
Rodney Orpheus bei einem Auftritt mit The Cassandra Complex 1989 in Dortmund
© Bernd Cierpiol, Studio B 71

Welche Musiker hatten besonderen Einfluss auf euch?
Rodney Orpheus: Sehr viele! Wir lieben Musik und hören sehr viel. Ich habe tausende CDs. Suicide hatten auf jeden Fall einen großen Einfluss auf uns, Joy Division und dann New Order ebenfalls. Sie haben auch musikalische Grenzen immer wieder überschritten. Neil Young liebe ich auch. Und Tangerine Dream und natürlich Kraftwerk würde ich auch zu unseren Einflüssen zählen.

Wie kam es 1982 eigentlich zur Gründung von The Cassandra Complex?
​Rodney Orpheus: Paul Dillon (der heute nicht mehr dabei ist) und ich haben uns zufällig in einem Nightclub getroffen, wir kannten uns gar nicht. Dort haben sie die Krupps gespielt. Im ganzen Club haben nur zwei Leute getanzt, das waren wir beide. So sind wir ins Gespräch gekommen und haben festgestellt, dass wir beide deutsche elektronische Musik lieben und gemeint "oh, wir sollten eine Band gründen!" Und so kam es dann auch.

Der Mythos um Kassandra

Was bedeutet der Bandname? Bezieht er sich auf die berühmte Kassandra in der
Mythologie?

​Rodney Orpheus: ​Genau! Kassandra war die Tochter des trojanisches Königs Priamos. Der Gott Apoll hat ihr die Fähigkeit gegeben, in die Zukunft sehen zu können. Aber niemand hat ihr ihre Vorhersagungen geglaubt. Das Kassandra-Syndrom gibt es auch in der Psychologie – wenn man etwas voraussieht, aber niemand glaubt einem. Das ging uns auch immer so, daher haben wir uns selbstironisch so genannt (lacht). Letztendlich lagen wir aber richtig, denn jetzt, so viele Jahre später, gibt es uns noch und wir lagen offenbar immer richtig!

Vielen Dank für das nette Gespräch!

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