Zittern, Erröten oder Stottern

Teufelskreis bei Telefonangst: So lernen Sie, angstfrei bei Fremden anzurufen

Manche können fast alles - nur nicht telefonieren. Dabei macht auch hier Übung den Meister, sagen Experten. Foto: Lino Mirgeler/dpa
© deutsche presse agentur

21. Februar 2020 - 11:30 Uhr

Viele Menschen haben Angst vorm Telefonieren

Schnell eine Pizza bestellen oder den Friseurtermin ausmachen - ein Anruf genügt. Keine große Sache, könnte man meinen. Für viele aber doch. Für Stephanie Cao zum Beispiel. Sie ist jung, hübsch, sprachgewandt und hat auf Youtube mehr als 3000 Abonnenten. Die 23-jährige Berliner Studentin hat keine Hemmungen, im Internet ein mehrminütiges Video von sich einzustellen. Aber sie hat Angst, einen Arzttermin telefonisch zu vereinbaren.

Wir erklären, mit welchen Tricks Sie Telefonangst überwinden können. 

Neue Ausprägung der Sozialphobie

Wie andere auch, tippt sie lieber ins Smartphone oder nimmt lange Wege zur Terminvereinbarung auf sich. Hauptsache nicht telefonieren. Telefonphobie nennt man das. Vieles spricht dafür, dass das Phänomen Zukunft hat.

Telefonphobie wird für sich alleine bislang klinisch nicht erfasst. Sie könnte aber durchaus zu einer neuen Ausprägung der Sozialphobie werden, meint Nadine D. Wolf, auf Phobien spezialisierte Oberärztin der psychiatrischen Klinik am Uni-Klinikum Heidelberg. Grund ist das veränderte Kommunikationsverhalten.

Philippe Wampfler, Medienpädagoge und Dozent an der Uni Zürich, beschreibt die Veränderung so: "Früher hatte man drei Möglichkeiten, wenn man sich den Rasenmäher des Nachbarn ausleihen wollte: telefonieren, einen Brief schreiben oder rübergehen. Heute schreibt man schnell eine WhatsApp. Das ist der Weg des geringsten Widerstands."

Nach der JIM-Studie 2018 - JIM steht für Jugend, Information Medien - tauschen sich 95 Prozent der Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren in Deutschland regelmäßig allein über diese Kommunikationsplattform aus - im Schnitt erhalten sie 36 Nachrichten pro Tag. Nur jeder Fünfte nutzte täglich noch das Smartphone zum Telefonieren.​

Hemmungen zu telefonieren sind nicht neu

"Ich denke, Menschen hatten auch früher Hemmungen, jemanden anzurufen", meint Medienpädagoge Wampfler. "Aber nach der Schulzeit oder dem Studium und im Job haben sie gelernt, zu telefonieren. Einfach, weil sie es mussten. Das geht heute angenehmer."

Wenn Telefonphobie zunimmt, liegt das nach seiner Meinung an der sogenannten Affordanz, dem Angebotscharakter der Medien. Das muss nicht zum Problem werden. Aber es kann. Das Internet ist voll von Berichten Betroffener, Blogs zum Thema und von guten Tipps gegen die Telefonangst.

Stephanie Caos Video, in dem sie beschreibt, warum sie Telefonieren hasst, spricht offenbar vielen aus dem Herzen: "OMG - Ich bin so erleichtert", schreibt eine junge Frau. Sie dachte, sie sei die einzige mit dem Problem. Selbst wenn ihr Freund mit ihr telefonieren will, vertröstet sie ihn und sagt, "dass es zurzeit nicht geht".

Und in "GLAMunity", einem Glamour-Forum für Frauen, berichtet eine Frau: "Schon vor der Aufnahme des Telefonhörers schlägt das Herz bis zum Hals." Die Zeit, die sie über den nötigen Anruf nachgrübelt, dauert fast immer länger als der eigentliche Anruf. Eine andere, der es nach eigenem Bekunden genauso geht, erledigt alles per E-Mail oder schiebt es auf ihren Mann ab.​

Junge Frau hält sorgenvoll ihr Smartphone in der Hand.
Schon der Gedanken an ein anstehendes Telefonat macht vielen Angst.
© imago images/Westend61, Eloisa Ramos via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Angst vor Ablehnung führt zu Stottern, Erröten und Zittern

Für die Heidelberger Psychiaterin Wolf gibt es eine Reihe von Gründen, warum jemand Hemmungen vor dem Telefonieren hat: "Angst, abgelehnt zu werden, Angst davor, sich am Telefon peinlich oder erniedrigend zu verhalten, oder einfach auch davor, dass man am Telefon ganz im Zentrum der Aufmerksamkeit steht und mit unbekannten Personen spricht."

Sie sieht Telefonphobie als eine Art der Sozialphobien, die gerade bei jungen Menschen verbreitet sind: "Es gibt Hinweise, dass bis zu 17 Prozent der Jugendlichen zwischen 14 und 20 Jahren darunter leiden." Junge Frauen mehr als Männer. Von Erröten, Zittern, Stottern bis hin zur Angst vor Erbrechen oder Einnässen - die Symptome vor gefürchteten Situationen können nach Erfahrung der Medizinerin für Betroffene gravierend sein.

Das neue Verhaltensmuster sollte aus Sicht der Medizinerin nicht grundsätzlich pathologisiert werden. Ärztlichen Rat sollte man suchen, wenn die Angst so groß ist, dass es den Alltag einschränkt. "Dann sollte man unter therapeutischer Anleitung Telefonieren wieder neu lernen", sagt sie. Helfen könnten niedergelassene Psychiater oder Psychotherapeuten - und ergänzend Selbsthilfegruppen, in denen man sich mit Gleichgesinnten austauschen kann.

Das hilft gegen die Telefonangst:

  • Teufelskreis durchbrechen: Sich zu drücken bringt langfristig nichts!
  • Stichwörter notieren hilft gegen die Nervosität
  • Feste Telefonzeit: Eine halbe Stunde am Morgen fest blocken, um die leidigen Telefonate bei Arzt, Frisör und Co. abzutelefonieren
  • Einstiegssatz üben: Die eigene Vorstellung und das Anliegen lassen sich vorher üben. "Mein Name ist XY und ich rufe an, um..."
  • Lächeln Sie! Das verklickert ihrem Gehirn gute Laune und Sicherheit und ihre Stimme klingt zudem angenehmer

Vermeiden bringt nichts

Dauerhaftes Vermeiden von Telefonaten oder das Abwälzen auf Partner oder Kollegen bringen nichts. Irgendwann müssen Sie ja doch ran. Also einfach üben und mit den unverfänglichen Telefonaten anfangen. Im Zweifel telefoniert der Mensch am anderen Ende der Leitung genauso ungern, wie Sie selbst.