Aufatmen in Deutschland?

Wo die Terroristen des Islamischen Staates geblieben sind

Islamischer Staat Propaganda
© dpa, Uncredited, BH CHR

17. April 2020 - 10:51 Uhr

Von Michael Ortmann

Es ist noch nicht lange her, da hat Europa vor ihnen gezittert. Die Terroristen des angeblichen Islamischen Staates mordeten, folterten und köpften wahllos, brachten Kindern bei, wie sie mit dem Messer am besten eine Gurgel durchtrennen. Sie metzelten 130 Menschen in Paris nieder, sprengten sich im Flughafen und der U-Bahn in Brüssel in die Luft oder rasten mit dem LKW auf dem Berliner Weihnachtsmarkt in eine Menschenmenge und töteten zwölf Besucher. Jahrelang versetzten islamistische Terroristen so große Teile der Welt in Angst und Schrecken.

Terroristen in Deutschland auf dem Rückzug?

Der Islamische Staat ist, so scheint es, ist zumindest in Deutschland, auf dem Rückzug. Und die neusten Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Wie uns das Bundeskriminalamt jetzt mitteilte, hat das BKA zum 1. April 2020 rund 650 Gefährder und 520 sogenannte relevante Personen im Visier. Ein Jahr zuvor waren es noch 240 mehr, also 760 Gefährder.

Auch die Bundesanwaltschaft bestätigte RTL und ntv gegenüber, dass die Zahl der Ermittlungsverfahren rückläufig ist. Musste der Generalbundesanwalt 2018 noch knapp 860 Ermittlungen im Bereich islamistischer Terrorismus übernehmen, so waren es im letzten Jahr "nur" noch 401. "Da ist ein deutlicher Rückgang in den letzten drei Jahren an Ermittlungsverfahren zu verzeichnen", so Martin Schmitt von der Bundesanwaltschaft.

Und auch das Bundesamt für Verfassungsschutz registriert aktuell einen langsamen Rückgang der Zahlen. Rund 2.080 Personen aus dem islamistisch – terroristischem Personenpotential sind im Kölner Amt registriert. Im Jahr zuvor waren es noch 100 mehr.

Michael Ortmann
Michael Ortmann ist RTL-Terrorismusexperte undberichtet regelmäßig über den Islamischen Staat.
© RTL

Es gibt noch Terroristen - aber weniger

Doch wo sind sie geblieben, die Hass erfüllten Jihadisten? Die religiösen Eiferer? Die eiskalten Massenmörder und hemmungslosen Verbrecher? Eins ist sicher, verschwunden sind sie nicht. Es gibt sie noch. Keine Frage. Nicht nur im Irak, Syrien oder Afghanistan. Auch in München, Berlin, Hamburg oder Köln. Ebenso in Mühlheim, in Frankfurt oder Göttingen. In den Hinterzimmern verfluchen sie nach wie vor den Westen, hetzen, wüten und planen.

Doch es sind weniger geworden. Hunderte haben in Syrien und dem Irak inzwischen ihr Leben gelassen, andere Jihadisten bleiben lieber im sicheren Europa als das sie ausreisen. "Die Ausreisebewegungen in Richtung des syrisch-irakischen Krisengebietes haben sich verringert," so Sprecher des BKA. Andere hingegen sitzen hinter Gittern. "In Deutschland nimmt die Zahl der Straftäterinnen und Straftäter mit islamistischem Hintergrund kontinuierlich zu," so das Bundesjustizministerium auf eine Anfrage der Linksfraktion. Andere sind bereits wieder entlassen und wo ihr Zug hingeht wird sich erst noch zeigen.

Sinneswandel bei islamistischen Gefährdern

ARCHIV - Bewaffnete Polizisten sichern am 20.01.2016 in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen) das Gebäude des Oberlandesgerichtes. Vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf beginnt am Montag ein Prozess gegen ein mutmaßliches Mitglied der Terrormiliz Islamisch
Mutmaßliches IS-Mitglied vor Gericht
© dpa, Monika Skolimowska, skm pzi htf

Einige von ihnen sind aber auch geläutert. Männer wie Eren R. aus dem Ruhrgebiet. Einen Anschlag wollte er hier verüben. Sicherheitskräfte sollte es treffen - Polizei, Bundeswehr, egal. Aber er wurde geschnappt, kam ins Gefängnis und wurde nach seiner Entlassung noch lange als Gefährder eingestuft. Drei Jahre später geht er jetzt wieder seiner großen Leidenschaft nach und spielt Fußball, er steht vor der Abschlussprüfung als Kaufmann, ist frisch verliebt und froh, dass seine Zeit als Terrorist vorbei ist. "Ich kann mir heute beim besten Willen nicht mehr vorstellen, was ich damals gedacht, gefühlt und getan habe," so der einstige Gefährder. "Und ich bin unendlich dankbar, dass ich mit all dem nichts mehr zu tun habe."

Unberechen- und unbelehrbare Täter gibt es nach wie vor

Einige von Ihnen haben weitere Anschläge in Deutschland geplant, wie ein 31 Jahre alter Tunesier, der 2018 mit 1000 hochgiftigen Rizzinsamen möglichst viele Menschen hier töten wollte. Aber alle konnten aber aufgrund souveräner Aufklärungsarbeit, beeindruckender polizeilicher Verfolgung sowie umfangreicher internationaler Zusammenarbeit frühzeitig entdeckt werden.

Hat der IS jetzt sein Gefallen an Europa und Deutschland verloren? Er ist schwächer, leiser. Aber er ist in vielen anderen Ländern von Afrika bis Asien nach wie vor aktiv. Der IS ist angezählt, am Boden liegt er aber noch lange nicht. Die Sicherheitsdienste können also nicht aufatmen. Denn sie wissen, es gibt noch genug zu tun für sie. Wir müssen auch weiterhin achtsam sein, aber dank ihnen müssen wir im Moment eins nicht mehr: Zittern.