Terrorangriff in Kenia: Fast alle Geiseln befreit

28. September 2013 - 19:37 Uhr

Polizei: Der größte Teil des Gebäudes ist unter Kontrolle

In der kenianischen Hauptstadt Nairobi haben sich Sicherheitskräfte erneut heftige Schusswechsel mit den islamistischen Geiselnehmern in einem Einkaufszentrum geliefert. Aus dem Gebäude waren in den frühen Morgenstunden anhaltende Schüsse zu hören. Am Abend waren die meisten Geiseln gerettet worden. Weniger als zehn Menschen befänden sich noch in der Gewalt der Angreifer, sagte der Sprecher der kenianischen Streitkräfte, Oberst Cyrus Oguna. Der Großteil des Gebäudes sei unter Kontrolle.

Terrorangriff in Kenia: Fast alle Geiseln befreit
Geiseln flüchten aus dem Westgate-Einkaufszentrum. Fast alle Gefangenen sollen mittlerweile befreit sein.
© dpa, Kabir Dhanji

Vier Sicherheitskräfte seien bei dem Einsatz verletzt worden. Angaben zu weiteren Opfer gab es bisher nicht. Somalische Terroristen hatten dort am Samstagmittag ein Blutbad mit mindestens 68 Toten und 175 Verletzten angerichtet und sich dann mit weiteren Geiseln verschanzt.

Kenianische Eliteeinheiten stürmten am Abend anscheinend das vierstöckige Gebäude. Unter Einsatz von Waffengewalt drangen die Sicherheitskräfte tiefer in das noble Einkaufszentrum Westgate vor, wo sich die Terroristen der radikalislamischen Miliz Al-Shabaab mit Geiseln aufhielten. Es waren Schüsse und Granatenexplosionen zu hören. Der Einsatz gegen die vermutlich zehn bis 15 Kämpfer der radikalislamischen Miliz Al-Shabaab, die sich nach der Erstürmung des Einkaufszentrums in dem Gebäude verschanzt hatten, ging aber offenbar weiter. "Die Angreifer befinden sich in verschiedenen Teilen des Gebäudes", sagte Oguna. "Wir wissen nicht, wann diese Belagerung enden wird. Wir versuchen, den Einsatz rasch zu Ende zu bringen." In die Geiselbefreiung waren auch Spezialkräfte aus Israel und den USA einbezogen.

"Wir werden die Terroristen für dieses feige Verbrechen bestrafen", sagte Präsident Uhuru Kenyatta in einer Fernsehansprache. Zu dem Angriff bekannten sich die islamistischen Al-Shabaab-Milizen aus dem Nachbarland Somalia. "Was die Kenianer im Westgate-(Einkaufszentrum) erleben, ist ausgleichende Gerechtigkeit für Verbrechen, die ihre Armee verübt hat", teilte die Miliz nach dem Angriff im Kurznachrichtendienst Twitter mit. Das Auswärtige Amt in Berlin hat keine Hinweise, dass Deutsche betroffen sein könnten. Unter den Toten sind mehrere Ausländer, darunter drei Briten, zwei Französinnen, zwei Kanadier und eine Niederländerin.

Die USA haben den blutigen Überfall auf das Einkaufszentrum als "sinnlosen Akt der Gewalt" verurteilt. Marie Harf, die Sprecherin des US-Außenministeriums, sagte in Washington, es gebe Berichte über US-Bürger unter den Dutzenden Verletzten. Die Botschaft in Nairobi bemühe sich um Unterstützung. "Unser Mitgefühl gilt den Familien und Freunden aller Opfer", sagte Harf.

Kenia ist seit geraumer Zeit Zielscheibe terroristischer Anschläge somalischen Islamisten. 2011 waren kenianische Truppen in das Nachbarland einmarschiert, um die Al-Shabaab-Milizen zu bekämpfen. "Lange Zeit haben wir Krieg gegen die Kenianer in unserem Land geführt, jetzt ist es an der Zeit, das Schlachtfeld zu ändern und den Krieg in ihr Land zu bringen", hieß es in einem weiteren Tweet der Milizen.

Die kenianische Regierung bezifferte die Zahl der Toten am Abend noch mit elf. Der für innere Sicherheit zuständige Staatssekretär Mutea Iringo sagte, Sicherheitskräfte hätten sich Zugang zum Gebäude verschafft und seien auf der Suche nach den Kriminellen. "Die Regierung wird in diesem Krieg nicht nachgeben", sagte er. Die Sicherheitsmaßnahmen seien auch in anderen Einkaufszentren Nairobis verstärkt worden.

Schon lange Warnungen vor Terror-Anschlägen

Ein Augenzeuge in Nairobi sagte: "Sie warfen eine Granate. Sie zeigten uns arabische Schriften. Wenn man sie lesen konnte, war man gerettet. Wenn man sie nicht lesen konnte, erschossen sie einen. " Er ergänzte: "Ein Täter von ihnen schrie: 'Heute werdet ihr das wahre Gesicht von Al-Shabaab kennenlernen'."

Schon seit langem warnen Sicherheitsbehörden vor möglichen Terroranschlägen in Einkaufszentren in Kenia. Auch im Westgate werden alle Fahrzeuge vor der Fahrt aufs Parkdeck oder in die Tiefgarage kontrolliert, an den Eingängen werden die Besucher in der Regel mit Metalldetektoren untersucht.

Das Westgate-Einkaufszentrum im Stadtteil Westlands wurde 2007 eröffnet. Es beherbergt nach Angaben der Betreiber mehr als 80 Geschäfte, ein Kino mit mehreren Sälen sowie ein Kasino. Auf der Internet-Homepage beschreibt es sich als "ruhigen und sicheren" Ort. Das Zentrum ist ein beliebter Treffpunkt für wohlhabende Kenianer und im Land lebende Ausländer. Vor allen an Wochenenden ist es gut besucht.

Die Kriminalität ist eines der Hauptprobleme Nairobis. Das Auswärtige Amt warnt etwa vor Raubüberfällen. Bestimmte Gegenden der Metropole sollten auch bei Tag gemieden werden. Zu den größten Missständen zählen die grassierende Armut und die schlechte Lebenssituation vieler Hauptstädter. Über 60 Prozent der mehr als 3,5 Millionen Einwohner leben in Slums.