Opfer und Angehörige berichten von zerstörten Leben

Vater von Halle-Opfer Kevin S.: "Dann hol dir deinen Döner"

Der Angeklagte Stephan Balliet mit seinem Anwalt Rutkowski und Weber.
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17. September 2020 - 14:20 Uhr

RTL-Reporterin Liv von Boetticher berichtet aus dem Gerichtssaal

Am 12. Prozesstag gegen Halle-Attentäter Stephan B. soll es weiter um den Angriff auf den Kiez-Döner gehen. Erstmals kommt ein Angehöriger eines der beiden Todesopfer von Halle zu Wort, der Vater des im Imbiss getöteten 20-jährigen Kevin S. Vor Gericht schildert Karsten L., welche dramatischen Auswirkungen der Amoklauf auf sein Leben und das seiner Liebsten hatte. Aus dem Landgericht Madgeburg berichtet RTL-Reporterin Liv von Boetticher.

Vater: Kevin hatte schweren Start ins Leben

Karsten L. wird als erster in den Zeugenstand gebeten. Er trägt einen Fan-Schal des Halleschen FC, dem Lieblingsclub von Kevin. Zunächst beschreibt L. die Kindheit seines Sohnes: Kevin hatte einen schweren Start ins Leben, er sei geistig behindert gewesen und besuchte eine Förderschule. Trotzdem ließ er sich von seinem großen Traum, Maler zu werden, nicht abbringen. Schon als Schüler machte er einige Praktika bei Malerbetrieben und schaffte mit viel Durchhaltevermögen seinen Schulabschluss.

"Er hat es geschafft, als Maler seinen Traumberuf zu bekommen. Er hat sich das alleine aufgebaut." Sein Geld gab er unter anderem für Fußballtickets aus, die er aus Stolz, sie sich von seinem eigenen Geld gekauft zu haben, alle sammelte.

Bei den Gedanken an seinen ermordeten Sohn versagt Karsten L. öfters die Stimme, sein Anwalt streichelt ihm beruhigend den Rücken.

Die schwere Last des Zufalls

Kevin S. war ein wenig übergewichtig, deshalb wollte seine Mutter, so erzählt es der Vater, dass er sich gesünder ernähre. Am 09. Oktober, am Tag des Amoklaufs, rief Kevin seine Mama an und erklärte ihr, er habe sein Pausenbrot vergessen und bat um Erlaubnis, sich zusammen mit seinem Kollegen vom Malerbetrieb einen Döner holen zu dürfen. Sie verneinte seinen Wunsch, er solle doch an seine Figur denken.

Nun bricht Karsten L. fast zusammen, denn offensichtlich plagen ihn große Schuldgefühle für das, was dann folgt: Nach dem Verbot der Mutter rief Kevin seinen von ihr geschiedenen Vater an und bat ihn um Erlaubnis. "Er hat uns manchmal ein bisschen gegeneinander ausgespielt, aber nicht in böser Absicht". Der Vater gab ihm die Erlaubnis. "Okay", habe er zu dem 20-Jährigen gesagt, "dann hol dir deinen Döner, aber das ist diese Woche der letzte."

Vater sieht seinen Sohn im Video sterben

Der Saal des Landgerichts Magdeburg ist auch am 12. Verhandlungstag fast voll besetzt – und trotzdem ist absolute Stille eingekehrt. Den Nebenklägern, den Anwälten, den Prozessbeobachtern, den Richtern und den Pressevertretern ist bewusst, welche Tragik hinter dieser zufälligen Erlaubnis steckt, welchen inneren Konflikt Kevins Vater mit sich ausmachen muss. Gestützt durch seinen Anwalt sowie zwei Opferbetreuer bemüht sich Karsten L., das Unbeschreibliche zu beschreiben, den Moment, als er vom Tod seines Sohnes erfuhr.

Nach 12 Uhr, als langsam die ersten Berichte über eine Schießerei die Runde machten, konnten weder Karsten L. noch seine Exfrau Kevin mehr erreichen. Aus Sorge um seinen Sohn rief Karsten L. die Freunde seines Sohnes an, schaltete eine Vermisstenanzeige auf Facebook. "Gegen 18 Uhr sagte ein Freund 'ich habe was, ich schicke Dir was rüber'. Es war das Video, auf dem zu sehen ist, wie Kevin S. getötet wird.

An dieser Stelle wird Karsten L. vollkommen von seiner Trauer übermannt. Die vorsitzende Richterin Ursula Mertens unterbricht die Verhandlung. Auch eine Frau unter den Nebenklägern weint. Der gesamte Saal ist sichtlich gerührt von den emotionalen Schilderungen des Vaters. Einzig der Angeklagte, Stephan B., schaut teilnahmslos in Richtung von Karsten L.

„Wir brauchen extrem viel Hilfe“

Nach einer kurzen Pause wirkt Kevins Vater nun wieder etwas gefasster. Die vorsitzende Richterin will von ihm wissen, wie es ihm und Kevins Mutter nach der Tat jetzt gehe. "Es ist jetzt ein anderes Leben, das wir so bisher nicht kannten. Wir brauchen extrem viel Hilfe." Er selbst sei stark suizidgefährdet, war in den letzten Monaten drei Mal in einer geschlossenen Psychiatrie untergebracht. Einmal hatte sein Bruder den Krankenwagen gerufen, zwei Mal hat er selbst die Polizei "weil es nicht mehr ging".

Stephan B. nimmt alles regungslos hin, schaut aber aufmerksam zu.