Taktik-Analyse: Wie Gladbach die Bayern knacken kann

Bricht Lucien Favre mit seinen Gladbachern den Lauf der Bayern?
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08. März 2015 - 9:24 Uhr

Letzte Hoffnung Gladbach: Wenn die Borussia vom Niederrhein am Sonntag die Bayern empfängt, drückt ganz Fußball-Deutschland dem Tabellenzweiten die Daumen. Um die Bundesliga spannend zu halten, müssten die Münchner im Topspiel endlich mal Federn lassen - und die Chancen dafür sind mit dem perfektionierten Spielsystem der 'Fohlen' durchaus gegeben.

Thomas Müller ist ein kluger Fußballer, das zeigt sich nicht nur auf dem Platz, sondern auch in den Interviews, die der Nationalspieler gibt. "Wir wollen unseren Vorsprung ausbauen", sagte Müller diese Woche mit Blick auf die Partie in M'gladbach: "Es ist schon ein richtungweisendes Spiel für die nächsten Wochen und den Verlauf der Liga und hat deshalb eine hohe Wichtigkeit." Wohl wahr. Gewinnen die Bayern am Sonntag und eine Woche später auch gegen Borussia Dortmund - tja, dann ist die Messe in der Bundesliga wohl schon gelesen.

Die Hoffnung der neutralen Beobachter, dass es anders läuft, ist nicht mehr als ein Fünkchen. Zu dominant sind diese "Über-Bayern", national und auch international. Bei der 7:1-Gala unter der Woche beim AS Rom, nicht weniger als Tabellenzweiter der Serie A, zeigten die Münchner einmal mehr, wozu sie in der Lage sind. Wenn Mario Götze davon spricht, dass das Spiel in Gladbach wieder bei 0:0 losgeht und es "auf jeden Fall sehr, sehr schwierig wird", klingt es nach den üblichen Floskeln, der sich Fußballer gerne bedienen. "Gladbach ist nicht umsonst an zweiter Stelle. Wir müssen uns einfach wieder konzentrieren."

Dass die Borussia dem Spitzenreiter wirklich die Stirn bieten kann, davon gehen nur wenige Experten aus - dabei ist es gar nicht so abwegig. Denn mit dem von Trainer Lucien Favre perfektionierten Spielsystem werden die Bayern ihre Probleme haben. Gladbach ist nicht mit Hurra-Fußball auf den 2. Platz vorgerückt, sondern mit taktischer Disziplin. Die Kombination aus blitzschnellem Umschaltspiel und brutaler Effizienz steht für den Erfolgsweg, den die 'Fohlen' eingeschlagen haben.

Gladbach sollte sich treu bleiben

Im Gegensatz zu den meisten Bundesligisten ist im Gladbacher System kein sture Blockbildung zu erkennen. Favre vertraut vor allem im defensiven Mittelfeld auf die Spielintelligenz seiner Spieler. Er setzt deshalb nicht auf geschlossenes Verschieben, sondern gruppentaktische Stärken. Im Grunde wird das 4-4-2-System von den Spielern als 4-2-2-2-Formation interpretiert. Eine zentrale Rolle nehmen dabei die beiden Sechser ein. Christoph Kramer und Granit Xhaka sind klar von der Offensive abgekoppelt und bilden das Herzstück des Gladbacher Spiels. Sie stellen die Wege zu, gewinnen die wichtigen Bälle und leiten mit hoher Passgenauigkeit die Gegenangriffe ein.

Die offensiven Außenbahnen mit Patrick Herrmann und Andre Hahn sind taktisch genauso flexibel wie das Sturmduo aus Raffael und Max Kruse. Beide Angreifer reißen immer wieder Lücken in der gegnerischen Abwehr, indem sie auf den Flügel rücken und die Verteidiger so aus dem Zentrum der Abwehr locken. Das schafft entweder Überzahl auf der Außenbahn oder Räume, die Herrmann oder Hahn wiederrum nutzen, um in die Mitte zu ziehen. Es ist eigentlich immer das gleiche Muster, das aber nur schwer zu verteidigen ist: Das Mittelfeld wird schnell überbrückt, Lücken gerissen, der Ball klatschen gelassen, ein schneller Abschluss - fertig ist der typische Gladbach-Angriff.

Vor dem Hintergrund, dass die Bayern nur mit einer Dreierkette verteidigen, werden sich ganz zwangsläufig Räume für diese Aktionen bieten. Die entscheidende Frage wird sein, inwieweit Favre sein System dem Spiel der Bayern anpasst. Legen die Flügelspieler ihr Augenmerk vermehrt auf die Defensive? Oder bleibt es beim zuweilen hohen Pressing durch die vier Offensivkräfte? Letzteres birgt die Gefahr, dass die gewohnte Kompaktheit verloren geht - gerade mit Hinblick auf die individuelle Klasse eines Arjen Robben oder Mario Götze ein großes Risiko. Gladbach wird das in Kauf nehmen müssen, um seine eigene Spielidee aufrecht zu erhalten und sich nicht die der Bayern aufdrücken zu lassen. Denn wenn das einmal so weit ist, dann nimmt das Unheil meist seinen Lauf.

Die Brust der Mannschaft von Pep Guardiola ist momentan so breit, dass Götze &. Co. kaum durch die Kabinentüren passen. Mit Blick auf das Spiel in Gladbach sagte der Nationalspieler: "Ich hoffe, dass wir da wieder so ein Ergebnis wie in Rom erreichen." Das klingt arrogant und scheint mit Blick auf den Lauf der Gladbacher, die in ihren 14 Pflichtspielen der Saison noch ungeschlagen sind, auch nicht realistisch. Angebrachter sind da schon die Worte von Thomas Müller, der die Partie am Niederrhein nicht als Selbstläufer sieht: "Es muss für meinen Geschmack kein 7:1 werden. Ein ganz normaler, gewöhnlicher Sieg würde mir auch reichen."

Daniel Grochow