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Tag der vermissten Kinder – Initiativen fordern verbesserte Fahndungsarbeit der Polizei

Tag der vermissten Kinder – Initiativen fordern verbesserte Fahndungsarbeit der Polizei

900 Kinder gelten dauerhaft als vermisst

Mehr als drei Wochen dauert die Suche nach der kleinen Inga nun schon an. Die Polizei fahndet mittlerweile überregional mit Plakaten nach der Fünfjährigen aus Stendal. Täglich gehen Hinweise in dem Fall ein – dem aktuellsten von erschreckend vielen: fast 900 Kinder in Deutschland gelten als dauerhaft vermisst, sind also seit mehr als sechs Monaten verschwunden. In vielen Fällen handelt es sich um Kindesentzug durch ein Elternteil, bei anderen bleibt das Verschwinden des Kindes rätselhaft. Zum 'Tag der Vermissten Kinder' am 25. Mai steht nun die Polizeiarbeit bei Vermisstenfällen auf dem Prüfstand.

Inga (5) und andere Fotos vermisster Kinder in Deutschland.
Die kleine Inga verschwand Anfang des Monats spurlos - in Deutschland gelten rund 900 Kinder als dauerhaft vermisst.

So fordert die Initiative 'Vermisste Kinder' eine zentrale Polizeidienststelle zur Öffentlichkeitsfahndung nach Entführungsfällen in Deutschland. Ein entführtes Kind überlebe aller Erfahrung nach nicht den ersten Tag, so der Vorsitzende, Lars Bruhns. Wenn das Einschalten der Öffentlichkeit sinnvoll sei, müsse dies innerhalb von Stunden geschehen. Die föderale Polizeistruktur in Deutschland sei zu schwerfällig.

Bruhns Hamburger Initiative ist in sozialen Netzwerken aktiv: "Vor fünf Jahren haben wir die Plattform 'Deutschland findet euch' auf Facebook eröffnet", sagt der 34-Jährige. "Damit haben wir ungefähr eine Reichweite von gut einer Million Menschen innerhalb eines Tages." Privatleute, die einen Facebook-Account haben, teilten dort auch Vermisstenmeldungen. Es sei dann aber weder die Quelle geklärt, noch wer dahintersteht, so Bruhns. "Da ist unser Wunsch, dass das von der Polizei kanalisiert werden sollte."

"Bei Entführungsfällen beträgt die Überlebenschance wenige Stunden"

Konkret sollte die Suche der Polizei schneller anlaufen, fordert 'Vermisste Kinder'. "Bei Fällen, in denen Kinder entführt wurden, beträgt die Überlebenschance wenige Stunden. Es gibt fast keinen Fall aus der Vergangenheit, bei dem das Kind den Tag der Entführung überlebt hat", sagt Bruhns. "Die Öffentlichkeitsfahndung in den ersten Stunden dient ausschließlich dazu, das Leben des Kindes zu retten. Es braucht in diesen Fällen diese große Aufmerksamkeit, die von der Polizei zentral gesteuert wird. Es ist dringend an der Zeit, dass sich da etwas bewegt."

Positiv-Beispiel sei hier etwa Polen: Seit zwei Jahren ist in dem Land eine Polizei-Sondereinheit ausschließlich für vermisste Kinder und Jugendliche zuständig. Die Beamten könnten auch Öffentlichkeitsfahndung zentral steuern. Bruhns verweist aber darauf, dass die Rettung entführter Kinder auch hier nicht ohne glückliche Zufälle abläuft – so konnte ein Mädchen nur verletzt aus dem Auto ihres Entführers gerettet werden, weil dieser einen Unfall gebaut hatte. "Da sieht man, dass es noch Optimierungsbedarf gibt."

Problematisch ist auch die allgemeine Einschätzung eines Vermisstenfalls, wie das Verschwinden der kleinen Inga zeigt. Niemand habe etwas Auffälliges, wie eine fremde Person, oder einen Schrei, bemerkt, erklärt Bruhns. "Die Polizei musste erstmal davon ausgehen: das Mädchen hat sich im Wald verlaufen." Erst nach vier Tagen seien die Beamten nach umfangreicher Suche schlussendlich von einem Entführungsfall ausgegangen. Rainer Wendt von der Deutschen Polizeigewerkschaft erklärt, dass die "Suche im sozialen Nahfeld" ein wichtiger Schritt der Polizeiarbeit bei einem Vermisstenfall sei. "Damit wir ausschließen können, dass sich das Kind irgendwo in der Nähe versteckt hat." Bei einem Ausreißer, der sich im Hauskeller versteckt, mag das stimmen – im Ernstfall könnte das anders aussehen.

Die Initiative Vermisste Kinder und der Opferhilfeverein Weißer Ring organisieren seit 2003 am 25. Mai in Deutschland den 'Tag der vermissten Kinder'. US-Präsident Ronald Reagan rief die internationale Aktion 1983 ins Leben. Der 25. Mai 1979 ist der Tag, an dem der sechsjährige Etan Patz in New York verschwand - sein Fall erregte weltweit Aufsehen.