Psychologe über die Gespräche mit Stephan B.

Tag 17 beim Halle-Prozess: Attentäter würde Todesstrafe vorziehen

Wie sich Stephan B. im Gefängnis verhält und was er mit seinem Psychiater besprochen hat.
© dpa, Ronny Hartmann, pil

16. Oktober 2020 - 12:11 Uhr

von Anne Schneemelcher

Am letzten Oktober-Verhandlungstag sagt der Mann aus, der den Attentäter von Halle wohl aktuell am besten kennt: sein Psychologe. Der 53 Jahre alte Justizbeamte hat seit Oktober 2019 mit dem Angeklagten Stephan B. zu tun, bei dem anfangs Verdacht auf Suizid bestanden hat.

Stephan B. bekomme viel Post von Frauen

"Er war aufgeregt. Bei mir war es ähnlich, so einen großen Fall hatten wir noch nicht", sagt der Psychologe vor Gericht. Montags bis Donnerstag haben die beiden täglich 15 bis 20 Minuten gesprochen bis Ende Juni. Wohl soviel, wie B. nach Aussage des Beamten seit sieben Jahren mit niemanden gesprochen hat. Auch er bestätigt, dass der Attentäter gern allein ist, keine Freunde hat und nur Kontakt zur Familie hält. Außerdem bekommt er Post ins Gefängnis von Frauen. Das sei bei "so berühmten Kriminellen" aber keine Seltenheit.

Psychologe geht von einer Verhaltensstörung aus

Seit dem ersten Gespräch ist dem Psychologe B.'s "unpassende Lache" aufgefallen. Er geht von einer Verhaltensstörung aus. Auch sei B.'s extremistische Denkweise so gefestigt, dass man hier mit Argumenten nicht weiter komme. Er leide zudem nicht an der "selbst gewählten Isolationshaft". Die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens möchte wissen, ob der Angeklagte Reue für seine Tat gezeigt habe: Nein.

Lediglich der erste Besuch seiner Familie habe emotionale Regungen bei B. ausgelöst. Der Angeklagte habe zwar erwartet, dass es den Eltern nach dem Attentat nicht gut gehen wird, aber dass es ihnen "so schlecht" geht, habe ihn getroffen. Das hat er nicht erwartet. Seine Schwester hat ihn nach diesem ersten Treffen kein weiteres Mal besucht.

Angeklagter würde lieber Todesstrafe wählen

In einem ihrer Gespräche ging es darum, was Stephan B. erwartet habe, wie es nach der Tat wohl weitergehen könnte. Für den Angeklagten gab es drei Szenarien: fliehen und im Untergrund weiterkämpfen, von der Polizei erschossen werden oder eben Verhaftung. Wobei er das Abbüßen der Haftstrafe als Verschwendung von Steuergeldern sehe und deshalb kein Problem mit der Todesstrafe hätte.

Eine 43 Jahre alte BKA-Beamtin hat die Musik untersucht, die B. während der Tat auf einem MP3 Player abgespielt hat. Insgesamt 12 Lieder hat sie untersucht und dem Rap, Metal und Anime-Genre zugeordnet. Bei einem Teil der Lieder hat sie frauenfeindlichen, rassistischen und ideologischen Inhalt feststellen können. Einen Titel beschreibt sie  als "ohrenbetäubenden Lärm", als "aggressiv". Da wurde "mehr geschrien, als gesungen", hat "aufputschende Wirkung". Weil die Beamtin aus Sicht der Nebenklage die Lieder aus dem Anime-Genre nicht gründlich genug untersucht hätte und ohne Vorwissen an den Fall gesetzt wurde, wurde sie kritisiert. 

Beamter aus der JVA: "Er ist eben da"

Eigentlich hatten sich an diesem Tag einige Anwälte erhofft zu erfahren, wie es zum Fluchtversuch am Pfingstsamstag kam. Doch wegen einer eingeschränkten Aussageerlaubnis konnte die geladene Hausleiterin der JVA-Halle nichts dazu sagen. Nur soviel: B. sei ein "wünschenswerter Häftling", der "Bitte, Guten Morgen und Danke" sage. Nach dem Ausbruchsversuch wurde B. Ende Juni in die JVA Burg in einen Sicherheitsbereich verlegt. Er lebt allein in einer Zelle, die videoüberwacht ist. Beamte, die ihn während des Duschens absichern und Kontakt mit ihm während der Essensausgabe und der täglichen Stunde Freigang haben, schildern, dass B. ruhig ist und keinerlei Gespräche stattfinden. "Er ist eben da", so einer der Beamten zur Richterin.

Auch sonst verläuft der Alltag eher ruhig. Der Rechtsextremist bekommt Besuch von den Eltern; leiht sich Bücher aus der Bibliothek, die keinen politische oder geschichtlichen Hintergrund haben; er darf nur die Frankfurter Allgemeine Zeitung lesen - aber keine Regionalzeitungen. Einen Fernseher habe er beantragt. Außerdem kommt einmal pro Woche ein evangelischer Pfarrer.