Angeklagter spricht nicht ein einziges Mal

Tag 16 beim Halle-Prozess: Ohne Worte

Prozess zum Terroranschlag von Halle
© dpa, Ronny Hartmann, pil

13. Oktober 2020 - 20:14 Uhr

Von Anne Schneemelcher

Am 16. Verhandlungstag hat sich der Angeklagte nicht einmal geäußert. Dafür haben Polizisten, Rechtsmediziner und ein Augenzeuge ausgesagt. Nebenklageanwälte kritisieren dennoch das BKA für die Untersuchung der Online-Kontakte von Stephan B.

Urteil vielleicht schon im Dezember

Der Gerichtssaal ist voll an diesem Dienstag. Im Zuschauerraum ist kein Platz frei, die Journalisten rücken enger zusammen, damit noch mehr Zuschauer in den Saal passen. Es ist kalt, ständig wird wegen Corona gelüftet. Es zieht an den Füßen. Ganz anders der Prozess, der sich im besten Fall nicht ins nächste Jahr zieht. Ein Urteil könnte schon im Dezember fallen.

Wie im Film – Augenzeuge ist nur noch gerannt

13.10.2020, Sachsen-Anhalt, Magdeburg: Hans-Dieter Weber (l) und Thomas Rutkowski, Verteidiger des angeklagten Stephan Balliet, unterhalten sich vor Beginn des 16. Prozesstages im Landgericht.  Die Bundesanwaltschaft wirft dem Attentäter von Halle 13
Hans-Dieter Weber (l) und Thomas Rutkowski, Verteidiger des angeklagten Stephan Balliet
© dpa, Ronny Hartmann, pil

Abdülkadir B. sagt an diesem Dienstag aus, wie er das Attentat von B. vor gut einem Jahr erlebt hat. Der 36-jährige Verputzer wollte in seiner Mittagspause kurz zum Kiez Döner, als er ein schnelles Auto sah, aus dem ein "Mann wie ein Soldat gekleidet" heraussprang. Stephan B., der Militärkleidung trug, ging an den Kofferraum und holte Waffen heraus. Bauarbeiter Abdülkadir B. hatte nur einen Gedanken: Weg hier!

Vor Gericht sagt er: "Dann bin ich gerannt. Und dachte nur: Schneller." Drei Schüsse hat Abdülkadir B. gehört. Sein einziger Gedanke: nach Hause rennen. Noch Tage später taten ihm die Füße vom Rennen weh, denn er trug schwere Sicherheitsschuhe. Nach der Tat von B. ist der 36-Jährige erst mal eine Weile bei seiner Frau und seinen drei Kindern geblieben. Er hat sich arbeitslos gemeldet und erst nach sieben Monaten wieder angefangen zu arbeiten. Bis heute kann er nicht fassen, was passiert ist.

"Wie in einem Film war das", sagt er. Die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens hat Verständnis. Dennoch ermahnt sie ihn, er solle die psychologische Unterstützung annehmen, die er angeboten bekommen hat. "Es ist nicht einfach, dass allein zu bewältigen", sagt sie.

Rechtsmediziner Lessig: „Er hat noch gelebt“

13.10.2020, Sachsen-Anhalt, Magdeburg: Rechtsmediziner Rüdiger Lessig, Direktor der Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Halle, sitzt zu Beginn des 16. Prozesstages im Landgericht. Die Bundesanwaltschaft wirft dem Attentäter von Halle 13 Straftaten
Rechtsmediziner Rüdiger Lessig, Direktor der Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Halle,
© dpa, Ronny Hartmann, pil

Im Gegensatz zu Abdülkadir B. konnte Kevin S. nicht vor Stephan B. davonlaufen. Der 20-Jährige hielt sich im Döner Kiez auf und wurde von B. erschossen. Ein Rechtsmediziner geht beim heutigen Prozesstag genauer auf seine Todesursache ein und erklärt, dass B. erst auf den Kopfbereich geschossen habe. Erst beim zweiten Anlauf traf B. in das Herz des jungen Mannes, was zum Tod geführt haben soll.

Das bestätigt auch die Analyse des Tätervideo: Bevor B. ins Herz traf, besteht die Wahrscheinlichkeit, dass der junge Lehrling noch gelebt habe. Aber: "Wie er es dann wahrgenommen hat, kann ich nicht einschätzen", so Professor Rüdiger Lessig, Leiter des Instituts für Rechtsmedizin an der Uni Halle. Er hatte die Obduktion durchgeführt.

Ebenso wurde die Untersuchung am zweiten Todesopfer, Jana L., besprochen. Auf Nachfrage der Vorsitzenden Richterin erklärt der Rechtsmediziner, dass das Opfer wenige Sekunden nach den ersten Schüssen verstorben sein müsse. Maximal eine Minute später.

Paar aus Wiedersdorf entging nur knapp dem Tod

Antifa
Aktion der Antifa zum Jahrestag in Halle

Auch Jens Z. und Dagmar M. aus Wiedersdorf bei Halle hatte der Attentäter im Fokus. Beide haben überlebt. Aber knapp, wie eine Gutachterin deutlich macht. Stephan B. ist auf seiner Flucht auf das Paar getroffen, als er in dem kleinen Ort bei Halle einen neuen Fluchtwagen brauchte. Jens Z. war gerade im Garten und hat Holz gesägt, als B. ihn mit einer Waffe bedroht haben soll.

Jens Z. hat glücklicherweise seinen Kopf zur Seite gedreht, als B. abgedrückt hat. Das hat ihm möglicherweise das Leben gerettet. Der Schuss des Attentäters traf ihn im Schulterbereich, blieb aber quasi stecken und verletze keine Nerven. Die Rechtsmediziner stufen den Schuss dennoch als "potenziell tödlich" ein. Ebenso die Schussverletzung der Lebensgefährtin Dagmar M., die der Täter im Oberschenkelbereich verletzt hat.

Schüsse auf Polizisten hatten „tödliches Potential“

Dass die selbst gebauten Waffen aus dem 3-D-Drucker von Rechtsextremist Stephan B. töten konnten, ist bekannt. Das lag auch an der Munition, wie Gutachter nochmals bestätigen. Die Beamten haben die Geschosse untersucht, mit denen B. auf Polizisten nahe der Synagoge geschossen hat und dabei auch die Polizeiwagen traf.

Täter und Polizei standen etwa 70 Meter voneinander entfernt. Dennoch hatte die selbst gebaute Munition von B. "tödliches Potential", so das Ergebnis der BKA-Beamten.

Richterin lobt Beamte für Verhaftung

13.10.2020, Sachsen-Anhalt, Magdeburg: Die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens nimmt zu Beginn des 16. Prozesstages im Landgericht ihren Mund-Nasen-Schutz ab. Prozesstages im Landgericht. Die Bundesanwaltschaft wirft dem Attentäter von Halle 13 Stra
Die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens
© dpa, Ronny Hartmann, pil

Auch die beiden Beamten die B. am Ende festgenommen haben, kommen zu Wort und werden von der Vorsitzenden für ihren Einsatz gelobt. Beide haben aufgrund der aktuellen Ereignisse ihren Dienst am Tattag früher begonnen. Als sie gerade auf der B79 in einem Baustellenbereich unterwegs waren, entdeckten sie das Taxi, mit dem Stephan B. seit Wiedersdorf auf der Flucht war.

Aufgrund einer roten Ampel, die B. ignoriert hat, konnten die Beamten den Attentäter unter Androhung von Schusswaffengebrauch stellen. Sie haben ihn gefesselt und auf den Boden gedrückt, bis das SEK sie unterstützt hat. In B.'s Hosentaschen fanden sie einen 50-Euro-Schein, Munition und einen USB-Stick. Auf Nachfrage hat B. seinen Namen genannt. Ausweise hatte er nicht dabei. Er habe sich unauffällig veralten und nichts gesagt, so die Beamten.

Kritik für Untersuchung der Online-Kontakte

Der letzte Zeuge des Prozesstages, ein 33-jähriger BKA-Beamte, hat untersucht, inwieweit Stephan B. Mitwisser und Unterstützer gehabt haben könnte. Dabei hat er unter anderem 320 Zeugenaussagen geprüft, die weit in B.'s Vergangenheit reichten. Der Beamte ist sich sicher, dass B. als Einzeltäter gehandelt habe, keine Freunde hatte und nur Kontakt zu seiner Familie hielt.

Doch die Untersuchung reicht den Nebenklageanwälten nicht. Sie kritisieren, dass man nicht an die virtuellen Kontakte herankomme, mit denen B. möglicherweise im Internet Kontakt hatte. Auch haben Vernehmungen in den USA nichts ergeben. Zwei US-Bürger haben die Tat von B. nämlich live im Netz auf Twitch verfolgt.

Angeblich haben sie das Video "zufällig" entdeckt. Die IP eines dritten Zuschauers ließ sich nach Zürich zurückverfolgen, brachte aber keine Erkenntnisse über Mitwisserschaft oder Unterstützung. Bis dato hatte das Gericht vier Live-Zuschauer angenommen, jedoch streamte eine IP doppelt, weswegen man nur von den drei Zuschauern ausgehen kann. Selbst das FBI habe die Beamten unterstützt, als man herausfinden wollte, ob B. einen Bitcoin als Unterstützung erhalten hat. Jedoch gibt es nach aktuellem Ermittlungsstand keine Anhaltspunkte als Beweis für diese finanzielle Unterstützung.

„Es war normal, dass keine Polizei vor der Synagoge stand.“