Lohnprognose der Bertelsmann-Stiftung

Systemrelevant ja, mehr Gehalt nein: Kein Geld für Corona-Helden

Systemrelevante Berufe werden laut einer Bertelsmann-Studie in Zukunft nicht von Gehaltserhöhungen profitieren.
© dpa, Federico Gambarini, fg bsc cul

08. Dezember 2020 - 15:35 Uhr

Alleinerziehende besonders hart betroffen

Verkäuferinnen und Verkäufer oder Beschäftigte in der Alten- und Krankenpflege: Sie alle haben bei Gehaltserhöhungen in Zukunft das Nachsehen. Denn obwohl sie systemrelevant sind, müssen sie bis 2025 laut einer neuen Bertelsmann-Studie wohl auf Gehaltserhöhungen verzichten oder erhalten sogar weniger Gehalt als jetzt. Vor allem die Lage von Alleinerziehenden könnte sich dramatisch verschlechtern.

Bertelsmann-Studie: Gehälter von systemrelevanten Berufen sinken

Wir haben die Szenen aus dem Frühjahr noch alle im Kopf: Punkt 21 Uhr öffneten Menschen ihre Fenster, stellten sich auf die Balkone und klatschten. Ein Zeichen der Solidarität für all jene Menschen, die in der Corona-Krise das Land am Laufen hielten. Doch vom Klatschen allein lässt sich die Miete nicht bezahlen und Arbeitsbedingungen ändert sich dadurch auch nur bedingt. In der Corona-Krise leiden vor allem solche Arbeitnehmer, die am meisten gebraucht werden. Doch ihre Bezahlung wird sich aller Systemrelevanz zum Trotz erst einmal nicht ändern. Im Gegenteil, prognostiziert eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung.

Die durchschnittlichen Bruttojahresverdienste im Gesundheits- und Sozialwesen werden beispielsweise selbst in fünf Jahren um 4.400 Euro unterhalb des durchschnittlichen Einkommens liegen, sagen die Studienmacher. Im Einzelhandel gar um 10.200 Euro. Laut statistischem Bundesamt lag das monatliche Durchschnittsgehalt eines Vollzeitbeschäftigten in Deutschland im letzten Jahr bei 3.994 Euro. Unterm Strich werden die Einkommen der unteren Lohngruppen bis 2025 reale Einkommensverluste verbuchen müssen.

Reale Einkommen von alleinerziehenden Mütter und Vätern schrumpfen

"Die geringe Inflation frisst die noch geringeren Lohnzuwächse auf" stellt Torben Stühmeier, einer der Studienmacher von Bertelsmann. Das Wachstum der Arbeitsproduktivität werde bis 2025 in den arbeitsintensiven Branchen des Gesundheitswesens oder des Einzelhandels nur etwa halb so hoch ausfallen wie im Verarbeitenden Gewerbe und der Chemie- und Elektroindustrie, heißt es in der Studie. Und das treffe vor allem Alleinerziehende.

Denn die, so die Studie, arbeiten häufig in Branchen mit einer unterdurchschnittlichen Produktivitätsentwicklung wie zum Beispiel der Pflege oder im Sozialwesen. Zum anderen arbeiten sie im Durchschnitt drei Stunden weniger als alle Erwerbstätigen im bundesweiten Durchschnitt. Für Alleinerziehende Mütter oder Väter hat diese Entwicklung zur Folge, dass das reale Einkommen im Jahresdurchschnitt um 0,1 Prozent sinken werden. Auch Teilzeitbeschäftigung spielt hier eine Rolle.

Um diese Entwicklung zu stoppen und auch in Zukunft die Situation von Alleinerziehende zu verbessern, bräuchten sie mehr Möglichkeiten zu Aus- und Weiterbildung und eine bessere Kinderbetreuung, schlagen die Studienmacher vor.

Kinderlose Paare werden Gehälter ausbauen

Doch nicht alle Gehälter werden laut der Bertelsmann-Studie bis 2025 sinken. Vor allem kinderlose Paare mit tendenziell höheren Gehältern profitieren von der künftigen Lohndynamik. Laut der Studie wird ihr Einkommen in den nächsten fünf Jahren um 2,6 Prozent steigen. Doch auch Familien mit Kindern prognostizieren die Studienmacher reale Einkommenszuwächse von bis zu 25.800 beim Bruttojahresgehalt.

Weil Frauen häufig in unterdurchschnittlich produktiven Wirtschaftszweigen beschäftigt sind und deutlich häufiger in Teilzeit arbeiten, haben sie laut der Studie ebenfalls das Nachsehen. Sie werden nur rund 60 Prozent des Bruttoverdienstes der Männer erreichen.