Besuch im letzten Kalifat Syriens

Schockierende Gewalteskalation im "gefährlichsten Lager der Welt"

Al-Hol-Camp im Nordosten Syriens
Al-Hol-Camp im Nordosten Syriens

24. März 2021 - 14:13 Uhr

Von Kavita Sharma

Kinder spielen im Dreck, vollverschleierte Frauen sitzen auf einem Hügel, vor ihnen breitet sich ein Meer von Zelten aus. Kurdische Sicherheitskräfte nennen es das "gefährlichste Lager der Welt" oder das "Mini-Kalifat". Sie meinen damit das Al-Hol-Camp im Nordosten Syriens. Die Kurden bewachen das Camp, in dem zehntausende IS-Anhänger, Angehörige der Dschihadisten und Vertriebene zusammengesperrt sind, nachdem die letzte Bastion des sogenannten "Islamischen Staates" 2019 fiel.

Hier erben die Kleinen den Hass der Eltern

Steinewerfende Kinder im Al-Hol-Camp
Steinewerfende Kinder im Al-Hol-Camp

Jetzt berichten die Kurden von einer schockierenden Gewalteskalation seit Januar. In Al-Hol wurden mindestens 35 Menschen nach offiziellen Angaben getötet, die meisten von ihnen mit Schusswaffen. Die Kurden machen den IS für die Morde verantwortlich. Die Terrormiliz soll eine gnadenlose Jagd auf ihre Gegner machen.

"IS-Anhänger haben inzwischen Zugriff auf Waffen, sie wurden in das Lager geschmuggelt. Die Dschihadisten benutzen dieses Arsenal, um andere zu töten, bedrohen und zu terrorisieren: diejenigen, die den IS-Regeln nicht mehr folgen, die die Terrormiliz verlassen haben," sagt Baran Youssef von der Verwaltung der Sicherheitskräfte in Al-Hol zu RTL/n-TV.

Die nächste Dschihadisten-Generation steht schon in den Startlöchern

Sicherheitskräfte im Al-Hol-Camp
Sicherheitskräfte im Al-Hol-Camp

Seitdem scharfe Waffen im Umlauf sind, patrouillieren die Sicherheitskräfte in gepanzerten Fahrzeugen. Zuerst besuchen wir den Teil des Lagers, indem Iraker und Syrer leben. "Hier ist es wie im Krieg. Es herrscht Angst und Schrecken," sagt uns eine Frau. Eine weitere fügt hinzu: "Jeden Morgen, wenn wir aufwachen, wurden wieder ein oder zwei Menschen getötet. Die Situation im Lager ist schrecklich."

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Sicherheitskräfte werden als "Schweine" beschimpft

Das Al-Hol-Camp wird auch als das "gefährlichste Lager der Welt“  bezeichnet
Das Al-Hol-Camp wird auch als das "gefährlichste Lager der Welt“ bezeichnet

Die Sicherheitskräfte, die uns begleiten, sind bei vielen im Camp verhasst. Kinder johlen und pfeifen als Zeichen des Protests oder mustern die Männer mit unverhohlener Abneigung. IS-Anhänger beschimpfen sie als "Schweine".

Laut Sicherheitskräften werden sie regelmäßig angegriffen. Während unseres Besuchs im Lager glaubt die Patrouille eine verdächtige Bewegung hinter einer Zeltplane zu sehen. Mit gezückten Gewehren verschwinden sie in einem Gang, aber es bleibt ruhig.

Wut auf die internationale Gemeinschaft

Noch können sich die Kurden behaupten, aber die Sicherheitskräfte konnten die Gewalteskalation im Lager bisher nicht stoppen. An den Ein- und Ausgängen des Camps werden Lieferwagen und Autos von Hilfsorganisationen durchsucht. Trotzdem finden Waffen ihren Weg in das Lager. Es entkommen auch immer wieder Gefangene. Die Kurden sind überfordert und wütend auf die internationale Gemeinschaft, denn sie fühlen sich mit dem Problem alleingelassen.

Ein Spielzeug-Gewehr als liebster Besitz

Kind mit Spielzeuggewehr im Al-Hol-Camp
Kind mit Spielzeuggewehr

Schließlich befinden sich noch ungefähr 10.000 Insassen aus aller Welt im Al-Hol-Camp. Sie werden in einem abgegrenzten, stärker gesicherten Teil des Lagers festgehalten. Diese Insassen gelten als die Radikalsten. Schon kleine Mädchen laufen voll verschleiert zwischen den Zelten herum.

Ein Junge hat ein Spielzeug-Gewehr auf einen Stuhl neben sich gelegt, anscheinend sein liebster Besitz. Kinder denken offenbar an Krieg, wenn sie spielen.

"Ich würde zurück in das Kalifat gehen, das Leben war besser dort"

Al-Hol-Camp
Voll verschleierte Frau im Al-Hol-Camp

"Ich glaube immer noch an den IS - ich würde zurück in das Kalifat gehen, das Leben war besser dort," sagt uns eine voll verschleierte Frau aus Tadschikistan. Eine weitere bekennende Extremistin glaubt, der Islamische Staat existiert weiter im Camp: "In einem Staat der Ungläubigen könnte ich mich nicht so kleiden, beten wäre nicht gut. Hier ist aber alles in Ordnung."

Die Kinder haben jetzt schon den Hass der Eltern geerbt. Eine Gruppe von Jungen und Mädchen beginnt Steine auf uns zu werfen. Es sieht so aus, als ob die nächste Generation der Dschihadisten schon in den Startlöchern steht.