Syrien: Öffentliche Hinrichtungen in Baba Amro?

10. Februar 2016 - 14:06 Uhr

Verlust eines Symbols des Widerstands

Das Stadtviertel Baba Amro in Homs haben die Gegner des syrischen Präsidenten Assad verloren. Doch die Hoffnung auf den Sturz des Regimes bleibt. Die Vereinten Nationen haben Berichte über mindestens eine Massenexekution und weitere Gräueltaten beim Vordringen syrischer Truppen nach Baba Amro erhalten. "Wir sind sehr bemüht, diese Angaben zu überprüfen, waren dazu aber bisher nicht in der Lage", sagte der Sprecher des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte, Rupert Colville. Den Berichten zufolge wurden bei einer Massenexekution 17 Menschen hingerichtet.

Syrien: Öffentliche Hinrichtungen in Baba Amro?
Baba Amro ist verloren - der Widerstand geht weiter.
© REUTERS, STRINGER

Mit Angst und Sorge verfolgen die syrischen Revolutionäre die Nachrichten über Festnahmen und Hinrichtungen in Baba Amro. Einer von ihnen ist Amer, der seit Monaten aus dem Untergrund hilft, die Logistik des Widerstandes gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad zu organisieren. Er sagt: "In den Vierteln der Revolutionäre fehlt es an allem, an Waffen, Munition, Medikamenten, Lebensmitteln, Strom und Wasser."

Das Viertel, das sich in den vergangenen Wochen zu einem Symbol des Widerstands entwickelt hat, sei deshalb nicht mehr zu halten gewesen, erklärt er. Die Deserteure flohen. Zurück blieben mehrere Tausend Zivilisten, die nun vom Roten Kreuz Hilfsgüter erhalten sollen. Doch was passiert vor dem Eintreffen der Helfer? In den Foren der Opposition ist von Massenfestnahmen und öffentlichen Hinrichtungen die Rede.

Der syrische Geheimdienst soll eine große Anzahl Zivilisten festgenommen haben. Das meldete der Nachrichtensender 'Al-Arabija'. Alle Anführer des Aufstandes in der syrischen Widerstandshochburg konnten sich nach Angaben der Opposition vor dem Eindringen der Armee in Sicherheit bringen. In den Foren der Oppositionellen hieß es, das medizinische Personal der Behelfsklinik des Viertels und die Deserteure hätten rechtzeitig fliehen können. Unter ihnen sei auch Oberstleutnant Abdul Rasak Tlass, der Kommandeur einer Brigade von Deserteuren.

Humanitäre Katastrophe droht

Von Damaskus ist ein aus sieben Lastwagen umfassender Konvoi mit freiwilligen Helfern sowie größeren Mengen Nahrungsmitteln und Medikamenten für Baba Amro aufgebrochen. "Wir haben Vorbereitungen für eine Evakuierung getroffen und wollen Verletzte rausbringen, die Behandlung in Krankenhäusern brauchen", sagte IKRK-Sprecher Hicham Hassan.

Doch auch am Freitag versagten syrische Behörden dem Roten Kreuz und dem Roten Halbmond den Zugang zu notleidenden Menschen im Stadtviertel Baba Amro. Da humanitären Helfern bislang der Zugang zu den Hochburgen der Protestbewegung weitgehend verwehrt worden war, musste alles Lebensnotwendige in den vergangenen Monaten heimlich beschafft werden.

Vor allem die Grenze zu Jordanien sei inzwischen fast unpassierbar geworden. Die von Assads Bruder Maher kommandierte 4. Division der Armee habe dort im Grenzgebiet mit modernen Waffen und Nachtsichtgeräten aus Russland Stellung bezogen. "Die humanitäre Hilfe und logistische Unterstützung für die Freie Syrische Armee sind der Schlüssel zu unserem Sieg", schreibt die Oppositionelle Suhair al-Atassi auf ihrer Facebook-Seite.

Die Diakonie Katastrophenhilfe warnt vor einer weiteren Verschlechterung der Lage für die notleidende syrische Zivilbevölkerung. "Wenn sich der Konflikt weiter zuspitzt, drohen ein großer Flüchtlingsstrom und eine humanitäre Katastrophe", sagte Direktorin Cornelia Füllkrug-Weitzel. Es wäre ein großes Wunder, wenn kein Krieg ausbräche. "Alles entwickelt sich in diese Richtung."

Aktuellen Berichten zufolge fliehen immer mehr Familien vor den Kämpfen in die Nachbarländer. Aus dem Norden und dem Zentrum des Landes seien die Türkei und der Libanon am schnellsten zu erreichen, die Flucht aus dem Süden führt am ehesten nach Jordanien. Am dringendsten werden Nahrungsmittel, Heizmaterial, Kochgeschirr und ähnliche Bedarfsgüter in Syrien benötigt - aber immer häufiger auch psychosoziale Unterstützung.