Syrien-Experte Perabo im Interview: "Es herrscht Resignation"

Längst nicht alle Syrer befürworten ein Eingreifen des Westens. Hier demonstrieren Anhänger von Baschar al-Assad gegen mögliche Militärschläge des Westens.
Längst nicht alle Syrer befürworten ein Eingreifen des Westens. Hier demonstrieren Anhänger von Baschar al-Assad gegen mögliche Militärschläge des Westens.
© dpa, Yahya Arhab

31. August 2013 - 13:20 Uhr

"Die Zustimmung in Syrien für einen Angriff wird größer"

In Syrien und speziell in Damaskus werfen die möglichen Militärschläge des Westens ihren Schatten schon weit voraus. Die Bevölkerung bereitet sich auf neue Bomben und Granaten vor, die dann aber weder vom Assad-Regime noch von den Rebellengruppen kommen. Der Absender dieser todbringenden Waffen sind dann wahrscheinlich die USA. Wie ist die Stimmung unter den Syrern, wer befürwortet ein Eingreifen der Westmächte, wer ist dagegen? Dazu hat RTLaktuell.de mit Elias Perabo gesprochen, der für die Nichtregierungsorganisation 'Adopt a Revolution' arbeitet, die die Zivilgesellschaft in Syrien unterstützt.

Perabo sagt, dass die Zustimmung zu einem Militärschlag in Syrien größer werde. "Eine Intervention muss aber ganz klar an Aufgaben gebunden sein: 1. Es dürfen nur militärische Ziele angegriffen werden, es darf kein Krieg in die Städte getragen werden. 2. Ein Angriff kann nur der Anfang von weiteren diplomatischen Verhandlungen sein. Diese standen in der jüngsten Vergangenheit still. So kritisch eine militärische Intervention ist, so wichtig ist es wieder zu verhandeln", so Perabo.

Dabei seien die Befürworter vor allem in den freien Gebieten in der Überzahl. "Auch in den kurdischen Gebieten wird ein Eingriff eher positiv gesehen, wie auch im Umland von Damaskus. In der Hauptstadt selbst bemerken wir eine große Skepsis und Angst, die ersten Menschen flüchten von dort", sagt Perabo und erklärt: "Bisher ist die Stadt von Luftangriffen verschont geblieben ist und es verhältnismäßig ruhig."

"Die größte Hoffnung ist, dass wieder verhandelt wird"

Präsident Baschar al-Assad ist Alawit. Diese Volksgruppe lebt überwiegend im Küstenstreifen im Westen des Landes. "Die Menschen dort unterstützten größtenteils das Regime und lehnen daher einen Militäreinsatz klar ab", so Perabo. "Insgesamt lässt sich sagen: Wer gegen des Regime ist, befürwortet eher den Luftanschlag, da gibt es nur noch wenige Gegner. Das überrascht uns, da eine US-Intervention lange abgelehnt wurde. Aber die Menschen sind jetzt einfach sehr verzweifelt. Trotzdem rufen sie jetzt nicht laut nach Hilfe, was daran liegt, dass ihre Hilferufe in den letzten Jahren zu oft enttäuscht wurden. Es herrscht Resignation. Ein Luftschlag ist gut um Regime zu schwächen, aber es gibt keine zu hohe Erwartung."

Natürlich begleitet eine gewisse Hoffnung die bevorstehenden Militärschläge gegen das Assad-Regime. "Die größte Hoffnung ist, dass wieder verhandelt wird. Vielleicht wird Assad so geschwächt, dass er bereit ist, zu verhandeln. Syrien muss wieder auf die Tagesordnung zurück. Auch Russland und der Iran müssen sich wieder bewegen", erläutert der Politikwissenschaftler.

Seine Organisation setzt klar auf Verhandlungen. 'Adopt a Revolution' verfolgt das Ziel der Stärkung der Zivilgesellschaft. Syrien müsse sich sozusagen von selbst, von innen heraus erneuern. Perabo vertritt die Ansicht, dass der Iran viel stärker in eine mögliche Verhandlungslösung einbezogen werden müsse. "Es ist unabdingbar, dass der Westen Gespräche mit dem Iran führt. Der Westen spricht aus anderen Gründen nicht mit dem Iran, und der Westen muss das überwinden für Gespräche. Sonst leiden die Syrer weiter, schließlich ist der Iran der wichtigste Waffenlieferant", erklärt er.

Dazu müsse auch wieder Russland ins Boot geholt werden. "Und die Türkei muss ihre Grenzen dicht machen, damit keine Dschihadisten mehr nach Nord-Syrien einreisen. Ganz wichtig ist die humanitäre Hilfe für die sozialen Strukturen vor Ort", so Perabo im Gespräch mit RTLaktuell.de.

Und weil 'Adopt a Revolution' ein Verhandlungslösung klar präferiert, setzt das Team auch weiterhin auf Diplomatie. "Die Waffenlieferungen aus Russland und Iran müssen gestoppt werden. Um die humanitäre Lage zu verbessern, müssen Medikamente ins Land kommen, Schulen aufgebaut werden und Hilfsprojekte stärker unterstützt werden. Außerdem", so schließt Perabo, "muss die Presse gestärkt werden, damit die Lage der Syrer weltweit sichtbar gemacht werden kann."