Syrien: Drei Millionen Kinder auf der Flucht

11. Februar 2016 - 9:24 Uhr

"Nicht nur Statistik"

Es ist eine erschreckende Zahl: Insgesamt drei Million syrische Kinder sind mittlerweile vor dem Bürgerkrieg auf der Flucht. Rund eine Millionen Kinder haben - teilweise ohne ihre Eltern - bereits das Land verlassen. In einer gemeinsamen Erklärung weisen UNICEF-Exekutivdirektor Anthony Lake und UN-Flüchtlingskommissar António Guterres auf diese bedrückende Wegmarke hin. "Dieses einmillionste Flüchtlingskind ist nicht nur Statistik", sagte Lake. "Es ist ein reales Kind, das aus seiner vertrauten Umgebung gerissen wurde, vielleicht sogar aus seiner Familie, konfrontiert mit schrecklichen Erlebnissen, die wir kaum nachvollziehen können."

Syrien: Kinder auf der Flucht
Nach Angaben beider UN-Organisationen sind die Hälfte aller syrischen Flüchtlinge Kinder.
© REUTERS, MUHAMMAD HAMED

"Worum es geht, ist nichts weniger als das Überleben und Wohlergehen einer Generation von unschuldigen Menschen", sagte Guterres. "Die Jugend Syriens verliert ihre Heimat, ihre Familien, ihre Zukunft. Selbst wenn sie Zuflucht in einem anderen Land gefunden haben, so bleiben sie doch traumatisiert und verzweifelt. Sie brauchen dringend einen Grund, Hoffnung zu haben."

Nach Angaben beider UN-Organisationen sind die Hälfte aller syrischen Flüchtlinge Kinder. Die Meisten von ihnen befinden sich in Libanon, Jordanien, in der Türkei, im Irak und Ägypten. Vermehrt fliehen Syrer auch nach Nordafrika und Europa. Mehr als 740.000 syrische Kinderflüchtlinge sind unter elf Jahren. Nach Angaben des Büros der UN-Menschenrechtskommissarin wurden während des Krieges bislang rund 7.000 Kinder getötet. UNHCR und UNICEF schätzen, dass zusätzlich innerhalb Syriens mehr als zwei Millionen Kinder als so genannte Binnenvertriebene auf der Flucht sind.

Ban warnt nach mutmaßlichem Chemiewaffeneinsatz

Körperliche Strapazen, Angst, Stress und Traumata sind indes nur ein Ausschnitt der humanitären Krise. Beide UN-Organisationen weisen auf die Gefahr hin, dass Flüchtlingskinder zur Kinderarbeit herangezogen werden; darüber hinaus drohen Zwangsheirat, sexuelle Ausbeutung und Menschenhandel. Mehr als 3.500 syrische Kinder sind unbegleitet oder ohne ihre Eltern über die Grenzen nach Jordanien, Libanon und Irak gekommen.

Insgesamt werden mehr als fünf Milliarden US-Dollar benötigt, um mit den Engpässen im Bereich Bildung, Gesundheit und Versorgung sowohl der Flüchtlingskinder als auch der Kinder in den Aufnahmegemeinden adäquat umgehen zu können. Mehr Ressourcen müssen eingesetzt werden, um gefährdete Flüchtlingskinder schneller ausfindig machen zu können, damit sie und ihre Aufnahmegemeinden rechtzeitig Unterstützung erhalten.

Unterdessen hat UN-Generalsekretär Ban Ki Moon ernsthafte Konsequenzen für den Fall gefordert, dass sich der Einsatz von Chemiewaffen in Syrien nachweisen lässt. Mit großer Besorgnis habe er auf Berichte reagiert, chemische Waffen seien möglicherweise gegen die syrische Zivilbevölkerung benutzt worden, sagte Ban. Die Nutzung solcher Waffen stellte "unter allen Umständen" eine Verletzung des internationalen Rechts dar. "Solch ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit sollte ernste Folgen für die Täter haben."

Er habe seine Abrüstungsbeauftragte Angela Kane beauftragt, sofort nach Damaskus zu reisen, um die Berichte zu untersuchen, sagte Ban. Es dürfe keine Zeit vergeudet werden. Der Weltsicherheitsrat habe seinen Aufruf zu einer "gründlichen, unabhängigen und raschen Untersuchung" unterstützt. Ban sprach in einer Rede vor Diplomaten über die Millenniums-Entwicklungsziele in Seoul über die Lage in Syrien.

In der Nähe von Damaskus sollen nach Rebellenangaben am Mittwoch Hunderte Menschen mit Giftgas der Regierungstruppen getötet worden sein. Die Regierung bestreitet das. Bislang ist unklar, ob die syrische Regierung eine Überprüfung der Vorwürfe durch die Chemiewaffen-Experten zulassen wird, die sich in Damaskus aufhalten.

Die Staatengemeinschaft gerät immer mehr unter Zugzwang, dem Bürgerkrieg in Syrien nicht länger zuzusehen. Großbritannien geht inzwischen davon aus, dass das Regime des Machthabers Baschar al-Assad hinter dem Angriff steckt. US-Präsident Barack Obama äußerte "große Sorge" und sieht die "Kerninteressen" der USA bedroht. Obama hatte früher mehrfach davon gesprochen, dass der Einsatz von Giftgas das Überschreiten einer "roten Linie" bedeute. In einem Fernsehinterview gab er sich nun aber deutlich zurückhaltender.

US-Senator John McCain hat Obama zur militärischen Intervention aufgerufen. Nach dem mutmaßlichen Giftgaseinsatz dürfe Washington nicht länger zögern. Die USA seien in der Lage, durch Raketen die 40 bis 50 im Bürgerkrieg eingesetzten Flugzeuge der syrischen Streitkräfte zu zerstören, sagte der frühere republikanische Präsidentschaftsbewerber in einem Interview des TV-Senders CNN. Ein Militäreinsatz wäre daher mit "geringen Kosten" verbunden, US-Soldaten würden nicht gefährdet.