Dutzende Gläubige entgehen Blutbad nur knapp

Synagogen-Besucher über Halle-Attentäter: "Er sah aus wie bei Counter-Strike"

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11. Oktober 2019 - 18:08 Uhr

Synagogen-Besucher unter Schock: "Die Zeit ist stehen geblieben"

Dutzende Gläubige begehen in der Synagoge in Halle gerade den höchste jüdische Feiertag Jom Kippur. Plötzlich hören sie Schüsse. Auf einem Monitor der Überwachungskamera sehen sie einen Mann mit Stahlhelm und Gewehr, der sich Zugang zu ihnen verschaffen will. "Er sah aus wie bei Counter-Strike" (Anm.d.Red.: Computerspiel aus dem Bereich der Ego-Shooter), beschreibt ein Gemeindemitglied die Szene. "Dann schoss er mit der Waffe auf die Tür". Die Gläubigen verschanzen sich. Erst später wird ihnen klar, wie knapp sie einem Blutbad entgingen.

"Rennt, rennt, rennt"

Die Synagoge in Halle in Sachsen-Anhalt ist an diesem Tag gut besucht, auch ausländische Gäste sind gekommen. "Ich habe ihnen gestern Abend noch erzählt, dass es bei uns in Halle keine Polizei vor der Tür gibt, weil es hier sicher ist", erzählt das Gemeinde-Mitglied im RTL-Interview. Seinen Namen möchte der Mann nicht nennen, weil er Angst vor Rache aus dem rechtsextremistischen Milieu hat. "Plötzlich haben wir gehört, dass draußen geschossen wird".

Auf dem Monitor sehen sie den bewaffneten Angreifer. "Er hat Sachen über den Zaun geworfen. Ich dachte, es wären Granaten". Viele Menschen hätten den Ernst der Lage zunächst nicht verstanden. "Ich habe dann nur gerufen: Rennt, rennt, rennt". Dann sei Panik ausgebrochen, erzählt das Gemeindemitglied unserer Reporterin.

"Man kennt das nur aus Filmen"

Rechtsextremist wollte Massaker in Synagoge in Halle anrichten
Rechtsextremist Stephan B. wollte ein Massaker in der Synagoge in Halle anrichten.
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Die Gläubigen verschanzen sich in einem Hinterraum bis endlich Hilfe kommt. Wie es lange das dauert, kann der Mann nur schwer schätzen. "Die Zeit ist irgendwie stehen geblieben", sagt er. Zu diesem Zeitpunkt weiß niemand in der Synagoge, dass Attentäter Stephan B. draußen bereits eine Frau erschossen hat. In einem Döner-Imbiss erschoss er einen Mann und verletzte mindestens zwei weitere Personen schwer. "Er sah aus wie ein Terrorist aus einem Videospiel", beschreibt er die unwirklich Szene. "Man kennt das nur aus Filmen: Einer schießt auf die Tür, die Tür geht kaputt und dann geht es weiter".

Genau das geschieht zum Glück nicht. Dem 27-Jährigen gelingt es nicht, die Synagoge zu stürmen. Er floh vom Tatort und wurde am Nachmittag festgenommen. Erst nach langen Stunden des Wartens wurde klar, dass es sich um einen Einzeltäter handelte.

Synagoge: Gemeindevorsteher beschreibt Schock-Moment

Auch Max Privorozki, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Halle, beschreibt, wie er die Minuten des Angriffs erlebte. Seine Schilderung und welche Vorwürfe er den Behörden macht, sehen Sie im Video.

Das Protokoll des Anschlags von Halle – jetzt als Doku auf TVNOW.