Super League wird konkret

Die verlogenen Retter des Fußballs

19. April 2021 - 18:43 Uhr

Ein Kommentar von Tobias Nordmann

Europas Fußball steht vor einem aberwitzigen Einschnitt. Einem Einschnitt, den es so noch gegeben hat. Denn zwölf Topklubs wollen eine eigene Superliga gründen und sich damit von allen bestehenden Strukturen emanzipieren. Die Fans laufen Sturm, wie Sie oben im Video sehen. Aber auch in Verbänden und Vereinen gibt es eine breite Front.

Gründer spielen sich als Retter auf

Ist die Krise des europäischen Spitzenfußballs wirklich so groß, dass es ein Dutzend Robin Hoods braucht, um ihn aus den krustigen Fingern der Uefa zu reißen? Ja, sagen zwölf Top-Vereine und machen aus der Drohkulisse Super League einfach eine Realität. Sie gründen eine neue, eine eigene Liga. So heißt es in der gemeinsamen Erklärung.

In der steht dann auch: "In den vergangenen Monaten hat ein umfassender Dialog mit den Interessenvertretern des Fußballs über das zukünftige Format der europäischen Wettbewerbe stattgefunden. Die Gründungsvereine sind der Meinung, dass die im Anschluss an diese Gespräche vorgeschlagenen Lösungen grundlegende Probleme nicht lösen. Das schließt die Notwendigkeit ein, qualitativ hochwertigere Spiele und zusätzliche finanzielle Mittel für die gesamte Fußball-Pyramide bereitzustellen. […] Wir haben uns in diesem kritischen Moment zusammengefunden, um den europäischen Wettbewerb zu verändern und das Spiel, das wir lieben, auf eine nachhaltige Basis für seine langfristige Zukunft zu stellen." Was für edle Retter! Mit verlogenen Motiven.

Das wirkliche Interesse des Fußballs

Schön für die Klubs. Noch schöner für die Fans! Schließlich würden vier Milliarden (!) von ihnen - so bescheiden schätzen die Gründer ihr weltweites Potenzial ein – von den so vielen Top-Spielen profitieren. Und es sind tatsächlich mehr, deutlich mehr, als in der bereits schon stramm getakteten Champions League.

Mehr, deutlich mehr als in der Champions League gibt es für die Klubs in der Super League natürlich auch zu verdienen. Was weniger verlockend als einfach nur dreist ist. Denn schon die Summen in der Königsklasse sind absurd hoch. Und tatsächlich steckt das und nur das dahinter. Es ist eine Erkenntnis, die null Überraschungswert hat. Aber es ist eben eine, die einmal mehr, und vielleicht so deutlich wie nie zuvor entlarvt, an was der Fußball interessiert ist. Nicht an Vorbildfunktion, nicht am politischen Statement (siehe Boykott-WM-Katar-Debatte), nicht an gesellschaftlicher Verantwortung. Wie auch immer man diese gestalten würde.

Deutsche Klubs mit lobenswerter Reaktion

Nun hat sich aber auch die durch die Pläne brüskierte Uefa in den vergangenen Jahren nicht durch Demut ausgezeichnet. Wenn sie nun also gegen die Pläne eskaliert, dann ist auch das mit Vorsicht zu betrachten. Dass sie aber wütend ist, das ist ihr gutes Recht. Denn nicht nur der neue Wettbewerb düpiert den europäischen Fußballverband, auch der Zeitpunkt ist eine Frechheit aus Sicht der Uefa. Denn am Tag nach der Gründung (am Sonntagabend) wollte der Verband seine Pläne zur Reform der Champions League vorstellen: Noch mehr Teams, noch mehr Spiele, noch mehr Geld. Die Reform ist auch ein Entgegenkommen an jene Klubs, die sich nun umorientieren.

Dass sich der FC Bayern und Borussia Dortmund klar gegen die Pläne stellen und sich zur Champions League bekennen, das darf und muss unbedingt erwähnt werden. Auch wenn für beide Klubs natürlich ein Platz in der schönen neuen Fußballwelt freigehalten wird. Dennoch: In Zeiten der Pandemie, in Zeiten, in denen der Fußball mehr Demut zeigen wollte, ist das zumindest ein kleines Zeichen der Solidarität. Denn die Eskalation, die nun droht, wenn die Super League bis zum tatsächlichen Anpfiff durchgeboxt wird, ist verheerend. Ungeachtet, ob die Sanktionen der Uefa und ihrer nationalen Verbände juristisch dann wirklich haltbar sind: Ausschluss der Vereine aus den nationalen Ligen, Ausschluss von den internationalen Wettbewerben (egal für die Klubs) und ein Verbot für die Spieler an den Großturnieren EM und WM teilzunehmen!

Alle gegen 12

Die Klubs haben sich bereits in Stellung gebracht und wollen die Drohungen der Uefa und der Fifa nicht so hinnehmen. Sie meinen es tatsächlich ernst. Die Folgen für die nationalen Ligen sind ihnen damit egal. Solidarität? Von wegen. Die angekündigten Solidaritätszahlungen? Ein vergiftetes Zuckerl für die nationale Konkurrenz, die natürlich noch weiter abgehängt würde. Joel Glazer, Co-Vorsitzender von Manchester United und Vize-Präsident der Super League, sagt: "Die Super League wird ein neues Kapitel für den europäischen Fußball aufschlagen. Sie bringt außerdem höhere finanzielle Zuwendungen, die der gesamten Fußball-Pyramide zugutekommen." Aber sehr wahrscheinlich nicht sehr gerecht.

Florentino Perez, Präsident von Real Madrid und 1. Vorsitzender der Super League, sagt: "Wir werden dem Fußball auf jeder Ebene helfen und ihn an seinen rechtmäßigen Platz in der Welt bringen. Fußball ist die einzige globale Sportart mit mehr als vier Milliarden Fans, und unsere Verantwortung als große Vereine ist es, auf ihre Wünsche einzugehen." Ein Satz, der die ganze Verlogenheit der Retter des Fußballs entlarvt. Belegt durch die ablehnenden bis vernichtenden Reaktionen aus Politik, Fußball und Fan-Kreisen. In ihrem "Kampf" steht die Uefa also nicht allein.

Boris Johnson: "Werden alles in unserer Macht stehende tun"

Die sonst so zerstrittenen Vertreter aus den verschiedenen Lagern haben sich zusammengefunden. Neben dem Weltverband Fifa machen die großen Verbände wie der Deutsche Fußball-Bund, die wichtigsten Ligen wie die Deutsche Fußball Liga, Persönlichkeiten des Sports wie ManU-Legende Gary Neville und die Fangruppierungen gemeinsam Front. Auch zahlreiche Vereine nehmen die Super League in den Sozialen Medien aufs Korn.

Wie groß der Frust angesichts dieses irren Größenwahns ist, hat die europäische Vereinigung "Football Supporters Europe" bereits am Sonntagabend in einem Statement veröffentlicht: "Die einzigen, die davon profitieren, sind Hedge-Fonds, Oligarchen und eine Handvoll bereits reicher Klubs, von denen viele in ihren heimischen Ligen trotz ohnehin vorhandenen Wettbewerbsvorteils schlecht abschneiden." Tja, so ist es. Und hier nochmal in Zahlen, die Summe die in der Super League an die insgesamt 20 teilnehmenden Vereine ausgeschüttet werden soll in Euro: 3.500.000.000! Was für edle Retter!

Auch interessant