Suchtmediziner warnen

"Schmerzmittel sind zur Lifestyle-Droge bei Jugendlichen geworden"

Das Suchtpotenzial von Schmerzmitteln bei Jugendlichen werde laut Experten unterschätzt.
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28. September 2020 - 11:25 Uhr

Suchtexperten: Datenlage zu ungenau

Immer wieder unterschätzen Jugendliche die Wirkung von Drogen und deren Suchtpotenzial. Zuletzt machte der tragische Tod einer 16-Jährigen aus Hamburg Schlagzeilen. Sie habe laut Zeugen auf einer Privatfeier Alkohol und Ecstasy konsumiert und sei daraufhin kollabiert.

Suchtmediziner warnen jetzt auch vor dem zunehmenden Missbrauch von Schmerzmitteln durch Jugendliche. "Wir vernachlässigen hier eine große Gruppe und müssen genauer hinschauen", sagte Maurice Cabanis, Leitender Oberarzt der Klinik für Suchtmedizin und Abhängiges Verhalten am Klinikum Stuttgart.

Tilidin - Schmerzmittel mit Suchtpotenzial

Schmerzmittel seien zu einer Lifestyle-Droge geworden, die zunehmend von Jugendlichen und jungen Erwachsen konsumiert werde. Dabei blicken Experten vor allem kritisch auf das rezeptpflichtige Opioid Tilidin. Der Wirkstoff wird zur Linderung mittelstarker bis starker Schmerzen eingesetzt und kann langfristig abhängig machen. Daher wird bei Verwendung darauf geachtet, das verschreibungspflichtige Medikament nur so kurzzeitig wie möglich zu nehmen.

Doch gerade dieses potenziell abhängig machende Schmerzmittel werde in der Rapkultur gefeiert oder zumindest besungen, so Suchtmediziner Cabanis. "Gerade in der Hip-Hop-Szene - unter anderem auch durch Bekanntwerden von prominenten Betroffenen - verbreitet sich die Substanz zurzeit." So machte ein Geständnis des Musikers Capital Bra zu seiner Medikamentenabhängigkeit erst kürzlich medial die Runde. Der Rapper widmet dem Schmerzmittel sogar einen Song namens "Tilidin".

Die Problematik beobachtet auch Suchtmediziner Rainer Thomasius, Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ): "Jugendliche neigen zur Identifikation mit ihren Idolen, imitieren das Verhalten. Das ist aus suchtpräventiver Sicht hochproblematisch."

Hessen will an Modellversuch zum Drogen-Check festhalten

Derweil kämpft das Bundesland Hessen für einen geplanten Modellversuch zum anonymen Test von Partydrogen. Der Antrag für ein "Drug Checking"-Projekt sei vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte zwar abgelehnt worden, das Land verfolge seine Pläne jedoch weiter, erklärte das Sozialministerium.