Suchtberatungen befürchten Schließungen aus Geldmangel

Ein Mann sitzt in einer Kneipe an einem Spielautomat. Foto: Sebastian Gollnow/dpa/archiv
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04. November 2020 - 14:21 Uhr

Die Suchthilfe in Niedersachsen befürchtet Schließungen von Beratungsstellen, sollte das Land seine finanzielle Förderung nicht erhöhen. Notwendig sei eine Aufstockung um eine Million Euro jährlich, sagte die Vorsitzende der Niedersächsischen Landesstelle für Suchtfragen (NLS), Evelyn Popp, am Mittwoch.

Die Förderung des Landes in Höhe von 4,64 Millionen Euro stagniere seit Jahren, deshalb drohe ein Abbau von Stellen. Laut NLS verschärft die Pandemie die finanzielle Misere der landesweit 75 ambulanten Suchtberatungsstellen. Wegen der Hygieneregeln sei mehr Personal erforderlich, zum Beispiel weil Therapie-Gruppen verkleinert werden mussten.

Landesweit gibt es etwa 700.000 suchtkranke Menschen, rund 300.000 von ihnen haben Probleme mit Alkohol. Die Corona-Krise sei eine enorme Belastung, erklärte Popp, die auch Leiterin der anonymen Drogenberatung Delmenhorst ist. "Manche reagieren mit Angst und Rückzug, andere mit extremem Konsum." Rund 150.000 Menschen sind landesweit abhängig von Medikamenten, mehr als 30.000 von Cannabis und anderen illegalen Drogen. Hinzu kommen rund 50.000 mit einer Glücksspiel-Problematik und 56.000 Internetsüchtige.

Der ehemals drogenabhängige Toni M. aus dem Landkreis Osnabrück schilderte, wie ihn seine Beraterin aus dem Teufelskreis geholt habe: "Sie war ehrlich und offen, ich konnte mich öffnen. Das war entscheidend für die Motivation, eine Therapie zu machen." Zuvor habe er schon mit einem Fuß im Gefängnis gestanden. "Die Suchthelfer sind oft unsere Lebensretter", betonte er. Viele Einrichtungen bieten betreutes Wohnen an und holen die Abhängigen so von der Straße. Zudem unterstützen sie die Angehörigen.

Schon während des ersten Lockdowns im Frühjahr blieben die Einrichtungen offen - etwa für Online-Gespräche und Einzelberatungen bei Spaziergängen im Park. Sollte das Netz an Beratungsstellen ausgedünnt werden, wäre dies fatal, meinte Ursula Schaffhausen, Vorsitzende des Landesverbandes der Elternkreise Drogenabhängiger und -gefährdeter Niedersachsen. Sie seien Krisenmanager, Familienretter und Jobretter. "Die Gespräche geben Halt und sind lebenswichtig für Eltern und besonders für Kinder aus suchtbelasteten Familien", sagte sie. "Eine Suchterkrankung kann jede Familie treffen und erschüttert sie wie ein schweres Erdbeben."

Nach den Erfahrungen der Berater verschärft die Corona-Krise bei vielen Betroffenen das Suchtproblem. "In der Pandemiephase hat die Getränkeindustrie keine Verluste", sagte Conrad Tönsing, Geschäftsführer der Osnabrücker CRT Caritas-Reha und Teilhabe GmbH. Zwar seien die Kneipen zu, dafür werde zu Hause mehr und wohl auch unkontrollierter getrunken. Es passiere auch mehr bei Sportwetten im Internet. Spielhallen hingegen sind coronabedingt geschlossen.

Die Suchtberater wiesen auf die enormen Folgekosten der Abhängigkeit für die Gesellschaft hin. So könnten mit präventiven und frühzeitigen Angeboten etwa Verschuldung, Beschaffungskriminalität, Gewalt und Unfälle infolge von Alkohol am Steuer verhindert werden, hieß es. Allen die direkten und indirekten Kosten des Alkoholkonsums betragen laut Tönsing 57 Milliarden Euro. Laut einer Studie bringe jeder investierte Euro in die Struktur der Suchtberatung eine Ersparnis von 28 Euro an Folgekosten.

Quelle: DPA