Stufe 1 des 'AJ'-Masterplans: Anthony Joshua will gegen Carlos Takam Dekade der Dominanz einläuten

CARDIFF, WALES - OCTOBER 27:  Anthony Joshua of England (L) and Carlos Takam of France (R) pose for photos during a weigh-in prior to tomorrow's world heavyweight title fight between Anthony Joshua and Carlos Takam at Motorpount Arena on October 27,
Anthony Joshua (l.) und Carlos Takam präsentierten sich beim Wiegen vor ihrem WM-Kampf in hervorragender Verfassung. © Getty Images, Bongarts, lr

Von Martin Armbruster

Das Boxer-Märchen vom chancenlosen Außenseiter, der urplötzlich die Chance bekommt, den Weltmeister im Schwergewicht herauszufordern und durch einen epischen Kampf zum Helden wird, flimmert keineswegs bloß auf Hollywood-Leinwänden (Rocky Balboa lässt grüßen). Da wäre zum Beispiel die Geschichte von Bert Cooper. Einigermaßen baff war dieser, als man ihm im November 1991 das Angebot unter die Nase rieb, gegen niemand Geringeren als den Champion, Evander Holyfield, in den Ring zu steigen. 

Cooper als leuchtendes Takam-Vorbild

Holyfield, so sah es das Drehbuch vor, hätte eigentlich in einem 30-Millionen-Dollar-Blockbuster mit Mike Tyson den unumstrittenen Meister aller Klassen ermitteln sollen. Doch 'Iron Mike', alles andere als eisern, brach sich im Training eine Rippe. Das Spektakel fiel ins Wasser. Schnell war mit dem Italiener Francesco Damiani ein neuer Holyfield-Herausforderer nominiert. Als aber auch dieser sich - eine Woche vor dem geplanten Faustkampf - am Knöchel verletzte, gerieten die Promoter in große Not. Es schlug Bert Coopers Stunde. Denn der Ersatz des Ersatzes zögerte keine Sekunde und stellte sich dem Titelverteidiger zum Kampf.

Dass man ihn für chancenlos erklärte, kratzte Cooper wenig. Ausgestattet mit einem Eisenschädel und dem Mute eines Mannes, der nichts zu verlieren hat, lieferte er dem haushohen Favoriten einen erbitterten Kampf. Spätestens als der Amerikaner seinen Landsmann in Runde 3 erstmals in dessen Laufbahn zu Boden schickte, lachte niemand mehr über das ungleiche Duell. Am Ende verlor Cooper zwar durch Technischen K.o., durfte sich aber dennoch als Gewinner fühlen. Nicht nur hatte er sich einen Namen gemacht. Seine couragierte Leistung bescherte dem zuvor weitgehend unter dem Radar boxenden Cooper weitere lukrative Zahltage gegen namhafte Gegnerschaft.

Joshua hofft auf einen K.o.-Sieg vor Runde 9
Joshua hofft auf einen K.o.-Sieg vor Runde 9 'AJ' zeigt viel Respekt vor Takam und Klitschko 00:05:34
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Takams Chancen verschwindend gering

"Der will mich wohl veräppeln", dachte Carlos Takam, als ihm ein Freund vor wenigen Tagen per SMS alles Gute für das anstehende Duell mit Schwergewichts-Champion Anthony Joshua wünschte. Joshua?! Der verteidigte seinen Titel doch gegen den Bulgaren Kubrat Pulev, er selbst hielt sich in einem Vorort von Paris bloß berufsmäßig fit, um für ein noch anzusetzendes Gefecht gegen wen auch immer bereit zu sein. Weil Pulevs Schulter aber in der Schlussphase der Vorbereitung ihren ordnungsgemäßen Dienst einstellte, darf der 36-jährige Franzose am Samstagabend (ab 23.05 Uhr live bei RTL oder online im RTL-Live-Stream bei TVNOW.de und in der TVNOW App) Joshua tatsächlich den wohl glorreichsten Titel streitig machen, den die Welt des Boxsports zu bieten hat.

Ob Takam bei den angedachten Joshua-Festspielen vor 78.000 Zuschauern im Principality Stadium von Cardiff ein ähnlicher Überraschungscoup gelingt wie einst Bert Cooper, ist trotz aller Märchenromantik mehr als fraglich. Gewiss, Takam ist ein guter Boxer, beileibe kein Fallobst. Gegen Klitschko-Bezwinger Joshua, den Mann mit der 100-prozentigen K.o.-Quote, räumen ihm die Experten und Wettanbieter dennoch in etwa so viele Chancen ein, wie einem Verurteilten des römischen Imperiums, den man im Colosseum den Löwen zum Fraß reichte.

Joshua acht Kilo schwerer als Takam
Joshua acht Kilo schwerer als Takam 'AJ' so schwer wie noch nie 00:00:29
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Joshuas Strategie entscheidet über Takams Schicksal

Takam öffnet sich nur dann ein Fensterchen zur Sensation, wenn der Titelverteidiger tatsächlich so boxt, wie er es im Vorfeld angekündigt hat. Er wolle vor allem den Körper seines Kontrahenten attackieren und diesen Schlag für Schlag "wie einen Baum fällen", ließ Joshua verlauten. Eine Strategie, die gegen den elf Zentimeter kleineren und den Infight suchenden Takam nicht unbedingt erfolgsversprechend sein muss.

Das Box-Lehrbuch empfiehlt dem 1,98 Meter großen Weltmeister vielmehr, seine Größen- und Reichweitenvorteile auszunutzen und aus der Distanz mit schweren Hämmern zu punkten. Die Mittel dazu – eine scharfe linke Führhand und eine vernichtende rechte Gerade – hat Joshua zweifellos. Wie auch immer: Takams Chancen – und das ist bezeichnend – hängen einzig davon ab, wie viel Lebensraum ihm der Shootingstar des Schwergewichts im Ring lässt. Takam bleibt eingedenk dieser Umstände in Cardiff wohl tatsächlich nur die Rolle des obligatorischen Nebendarstellers, der eben gebraucht wird, damit der Star des Abends glänzen kann.

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May & Fuckert prophezeien Takam "schmerzhafte Erfahrung" Schwerer Joshua hat "wesentlich mehr Bums" 00:01:59
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Schritt 1 auf dem Weg zum Vereinigungskampf

Denn Pulev hin, Takam her. In Cardiff geht es vor allem um Joshua und dessen Zukunft. "Wenn ich diszipliniert bleibe, wird man von mir in den nächsten zehn Jahren einiges hören", hat 'AJ' schon einmal vorsichtig eine Dekade der eigenen Dominanz angekündigt. Das Spektakel in Wales soll nur der Anfang sein. Es ist, wenn man so will, Stufe 1 des Joshua-Masterplans, den Promoter Eddie Hearn ausgeheckt hat. Ein spektakulärer Sieg gegen Takam soll nicht nur den Anspruch des Briten untermauern, nach dem Triumph über Klitschko der einzig wahre Schwergewichts-Champion zu sein (die Titel von WBA und IBF hält Joshua schon). Der Abend dient auch als Vorspiel für einen möglichen Vereinigungskampf mit WBC-Weltmeister Deontay Wilder im kommenden Jahr.

Ein Blick auf die Undercard des Cardiff-Programms lässt das Kalkül erkennen. Da kämpft der Engländer Dillian Whyte (der Joshua 2015 schon einmal unterlag) gegen Robert Helenius aus Finnland um die Chance, Wilder vor die Fäuste zu bekommen. Der ungeschlagene, wenngleich im Ring weitgehend ungeprüfte Amerikaner tönt schon seit geraumer Zeit, er werde mit seiner gefürchteten rechten Faust den britischen Traum von einer Joshua-Herrschaft im Schwergewicht zertrümmern.

Joshua vs. Wilder wäre der ultimative Showdown

Boxing - Anthony Joshua & Carlos Takam Weigh-In - Motorpoint Arena, Cardiff, Britain - October 27, 2017   Dillian Whyte and Robert Helenius go head-to-head during the weigh-in   Action Images via Reuters/Andrew Couldridge
Dillian Whyte (l.) und Robert Helenius kämpfen in Cardiff um eine WM-Chance beim Verband WBC. © Action Images via Reuters, ANDREW COULDRIDGE, gb

Hearn hofft, dass sein Schützling Whyte den Finnen schlägt, um dann in Stufe 2 des Masterplans Wilder herauszufordern. Idealerweise wehrt der US-Boy die Whyte-Herausforderung ab und ebnet den Weg für den ultimativen Showdown zweier ungeschlagener Schwergewichts-Weltmeister. Ein britisch-amerikanischer Clash zwischen Gentleman Joshua und Trash-Talk-Meister Wilder würde sich fast schon von alleine verkaufen und ließe dies- wie jenseits des Atlantiks die Kassen mächtig klingeln. Es wäre die dritte und finale Stufe des Joshua-Masterplans. 

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