Studie zur sozialen Ungleichheit: Arm bleibt arm, reich bleibt reich

12. Oktober 2016 - 13:54 Uhr

Nur jeder zweite Geringverdiener schafft den sozialen Aufstieg

In Deutschland gilt nach wie vor: Wer arm ist, bleibt arm, wer reich ist, bleibt reich. In kaum einem anderen Land der Welt ist der soziale Aufstieg so sehr abhängig von der Herkunft wie bei uns. Und die Armut hierzulande verfestigt sich zunehmend. Die Hans-Böckler-Stiftung hat ihren Verteilungsbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) vorgestellt. Die Experten haben sich insbesondere die Ungleichheit, soziale Aufstiegschancen und die Einkommensverteilung in Deutschland angeschaut.

Dabei zeichnet sich ein düsteres Bild ab: Gerade einmal jeder Zweite mit geringem Einkommen schafft den finanziellen Aufstieg. Das sind deutlich weniger als noch vor 20 Jahren. Umgekehrt ist Risiko, in die Armut abzurutschen, für die untere Mittelschicht in den letzten Jahren sogar gestiegen, schreiben die Forscher in ihrem Bericht. Teile der Bevölkerung müssen also fürchten, dauerhaft abgehängt zu werden.

Wer dagegen reich ist, bleibt statistisch gesehen sehr wahrscheinlich auch reich oder wird sogar noch reicher. Als arm gelten Menschen, die weniger als 1.000 Euro (netto) im Monat verdienen. Als reich werden alle bezeichnet, die ein monatliches Netto-Einkommen von mehr als 3.300 Euro zur Verfügung haben.

"Insbesondere für Kinder wirkt sich lange Armut nachhaltig negativ aus"

Die größten Risikofaktoren für sozialen Abstieg sind nach wie vor ein niedriger Bildungsgrad, Arbeitslosigkeit oder eine geringfügige Beschäftigung. Der Grad der Bildung ist in Deutschland allerdings überdurchschnittlich stark vom Elternhaus abhängig. Doch auch gutsituierte Eltern können sich nicht sicher sein, dass ihre Kinder einmal den gleichen Lebensstandard wie sie selbst erreichen. Auch das Risiko, gegenüber den Eltern sozial abzurutschen, ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen.

Das hat gravierende Folgen, kritisieren die Autoren der Studie. Besonders die Verfestigung der Armut sei ein Problem, sagte die Forscherin Dr. Dorothee Spannagel. "Je länger eine Armutssituation andauert, desto stärker schlägt sie auf den Alltag durch. Insbesondere für Kinder wirkt sich lange Armut nachhaltig negativ aus", erklärte sie.

Durch die ungerechte Verteilung würden Chancen blockiert und ganze Bevölkerungsschichten von Ausgrenzung und Armut bedroht. Dieser Trend sei insbesondere in Ostdeutschland zu beobachten. Die Forscher sehen darin das Prinzip der Chancengleichheit verletzt.

"Viele dieser Entwicklungen vollziehen sich nicht in spektakulären Sprüngen, sondern langsam, aber recht kontinuierlich und selbst bei guter wirtschaftlicher Lage. Das macht sie besonders gefährlich, weil politischer Handlungsdruck lange übersehen werden kann. Dabei ist es höchste Zeit, gegenzusteuern", sagte Prof. Dr. Anke Hassel, wissenschaftliche Direktorin des WSI.

Um diese Entwicklung aufzuhalten, wird empfohlen das Schulsystem zu reformieren. Die "große Sortiermaschine" müsse sich wandeln, damit der Bildungserfolg eines Kindes nicht mehr von seinem sozialen Hintergrund abhängig ist. Auch die Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt sollte dringend verbessert werden. Die Personen mit einem hohen Arbeitslosigkeitsrisiko müssten gezielt gefördert und durch Weiterbildungen oder Beratungsangebote unterstützt werden. Die dritte Forderung der WSI-Experten ist eine gerechtere Besteuerung. Ihrer Ansicht nach zementiert das deutsche Steuersystem die Ungleichheit im Land. Umverteilung könne durch eine höhere Erbschafts- und Schenkungssteuer, sowie die Wiedereinführung der Vermögenssteuer erreicht werden.