Studie zum Missbrauch in der Katholischen Kirche: 3.677 Kinder missbraucht - Dunkelziffer noch höher

25. September 2018 - 23:07 Uhr

Die jetzt veröffentlichten Zahlen sind nur die "Spitze des Eisbergs"

Die Katholische Kirche und sexueller Missbrauch. Diese beiden Begriffe werden in Zukunft nicht mehr voneinander zu trennen sein. 3.677 Opfer zählt eine neue Studie, die heute auf der Bischofskonferenz vorgestellt wurde. Vier Jahre lang haben Forscher der Universitäten Mannheim, Heidelberg und Gießen die Vorgänge in der katholischen Kirche untersucht. Dabei haben sie Schreckliches zu Tage gefördert. Doch die leitenden Forscher sagen: Das sei nur "die Spitze des Eisbergs". Systematisch wurden ihnen Steine in den Weg gelegt, Akten wurden vernichtet, Opfer und Täter zum Schweigen verdonnert. Die jetzt veröffentlichten Zahlen werden also noch überstiegen, die Dunkelziffer ist sehr hoch.

Die Hälfte der Missbrauchsopfer war erst 13 Jahre alt - oder sogar noch jünger

Harald Dreßing, Leiter der Studie, überreicht ein Exemplar an Kardinal Marx
Die veröffentlichte Studie umfasst insgesamt 366 Seiten, auf denen die Missbrauchsfälle aufgearbeitet werden sollen.
© dpa, Arne Dedert, ade fdt

Untersucht wurde der Zeitraum von 1946 bis 2014. In diesen 68 Jahren gab es laut Studie mindestens 3.677 Opfer sexuellen Missbrauchs. Knapp die Hälfte der meist männlichen Betroffenen war zum Zeitpunkt des Missbrauchs nur 13 Jahre alt oder jünger. Die Zahl der Beschuldigten Kleriker liegt bei 1.670, 4,4 Prozent aller Kleriker werden beschuldigt. Das zeigt auch: Viele der Beschuldigten haben sich an mehreren Kindern vergangen.

Die Untersuchung zeigt aber nicht nur die erheblichen Verfehlungen katholischer Kleriker in den vergangenen Jahrzehnten auf, sondern benennt auch problematische Strukturen, die Missbrauchsfälle auch heute begünstigen könnten. Der Leiter der Studie, Harald Dreßing, betonte, die Missbrauchsthematik sei daher keineswegs überwunden. "Das Risiko besteht fort", sagte er. Gründe dafür könnten beispielsweise der Missbrauch der ausgeprägten klerikalen Macht, das Zölibat sowie ein innerkirchlich "problematischer Umgang" mit dem Thema Sexualität sein.

Katholische Kirche erschwerte den Forschern die Arbeit erheblich: Kein Zugang zu Originalakten

Dreßing beklagte außerdem einen mangelnden Aufklärungswillen in weiten Teilen der Kirche. Das Ausmaß des Missbrauchs als auch "der Umgang der Verantwortlichen damit" sei "erschütternd" gewesen. Den Autoren der Untersuchung sei kein Zugang zu Originaldokumenten in den Kirchenarchiven eingeräumt worden. Zudem fehlten Aussagen von Opfern, auch seien Missbrauchsfälle etwa in katholischen Heimen, Anstalten und Psychiatrien oder in den zahlreichen Ordensgemeinschaften nicht berücksichtigt worden.

Obendrein werden in der Studie keine Namen genannt. Auch auf einzelne Bistümer runtergebrochene Zahlen gibt es nicht - aus vertraglichen Gründen, wie Dreßing sagt. Der Kriminologe Christian Pfeiffer bezeichnete dieses Vorgehen der Bischöfe als "organisierte Verantwortungslosigkeit". Die Studie sei zwar exzellent aufgearbeitet. "Aber das Entscheidende fehlt: Wir wissen nicht, wer die Verantwortlichen sind." Pfeiffer war ursprünglich mit der Studie beauftragt worden – hatte sie wegen der von der Bischofskonferenz diktierten Forschungsbedingungen allerdings schließlich abgelehnt.

Kardinal Reinhard Marx entschuldigt sich für die Verbrechen der Kleriker

24.09.2018, Hessen, Fulda: Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, nimmt zu Beginn der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz seinen Platz im Sitzungssaal ein. Die
Kardinal Marx bat Die Missbrauchsopfer bei der Vollversammlung der Bischofskonferenz um Entschuldigung für allen Schmerz.
© dpa, Arne Dedert, ade tba

Deren Vorsitzender, Kardinal Reinhard Marx, sagte, er schäme sich "für das Vertrauen, das zerstört wurde; für die Verbrechen, die Menschen durch Amtspersonen der Kirche angetan wurden". Allzulange sei in der Kirche "Missbrauch geleugnet, weggeschaut und vertuscht" worden. "Für dieses Versagen und für allen Schmerz bitte ich um Entschuldigung."

Nach Bekanntwerden der Zahlen schaltete sich auch die Politik ein. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) sagte, die Studie müsse Ausgangspunkt einer "schonungslosen Aufklärung" sein. Justizministerin Katarina Barley (SPD) forderte, die Kirche müsse jede Tat anzeigen. "Der Rechtsstaat kann nur funktionieren, wenn ihm Taten gemeldet werden." Im Jahr 2010 hatten die katholischen Bischöfe in diesem Zusammenhang bereits ihre Vorschriften verschärft, seither wird nach Kirchenangaben automatisch bei jedem Verdacht auf sexuellen Missbrauch die Staatsanwaltschaft eingeschaltet.

Quelle: DPA/RTL.de