Je früher die Grenzen dicht, desto weniger Corona-Tote

Studie zeigt: Reisebeschränkungen sind sinnvoll und retten Leben

Je früher Länder Reisebeschränkungen einführten, desto niedriger war dort die Covid-19-Sterberate.
© iStockphoto, rarrarorro

20. Oktober 2020 - 13:18 Uhr

Reisewarnungen und -beschränkungen sollten früh eingesetzt werden

Während die zweite Welle Europa wieder fest im Griff hat werden zwar immer mehr Länder und Regionen zu Risikogebieten erklärt, eine pauschale Reisewarnung gibt es allerdings nicht (mehr). Dabei zeigt eine Studie über den Umgang von 181 Ländern mit der ersten Welle der Corona-Pandemie nun, dass Reisebeschränkungen sehr sinnvoll sind und vermutlich viele Leben gerettet haben.

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„Grenzen schließen ist naiv, das Virus wird trotzdem kommen“: Stimmt die Annahme?

Wie die Studie von Ruud Koopmans, Direktor am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), zeigt, hätten frühzeitige Reisebeschränkungen wesentlich dazu beigetragen, die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen und die durch Covid-19 verursachten Todesfälle niedrig zu halten, wie es in einer Pressemitteilung zur Studie heißt. Länder, die bereits im Februar oder Anfang März Einreisebeschränkungen verhängten, hätten bis zur Jahresmitte deutlich weniger Corona-Tote zu beklagen gehabt.

"Grenzen schließen ist naiv, das Virus wird trotzdem kommen", so Koopmans zu Beginn der Studie. Zu Anfang der Corona-Krise hätten die WHO und andere zuständige Behörden in der EU und in Deutschland selbst noch geglaubt, dass Grenzen das Virus nicht aufhalten könnten. "Diese Annahme war ein fataler Irrtum", folgert Ruud Koopmans aus seinen Erkenntnissen zum Zusammenhang von internationalen Reisebeschränkungen und Covid-19-Sterblichkeitsraten. "Reisebeschränkungen sollte ein viel größeres Gewicht beigemessen werden. Das gilt für die Eindämmung bevorstehender Wellen der aktuellen Pandemie, aber auch für ähnliche Pandemien in Zukunft."

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Anzahl der Länder mit Reisebeschränkungen nach Kalenderwoche
Anzahl der Länder, die verschiedene Arten von Reisebeschränkung eingeführt haben nach Kalenderwoche
© WZB, Number of countries, travel restrictions

Zu diesen Erkenntnissen kam Koopmans in seiner Studie

Koopmans untersuchte die Verbreitung des Coronavirus anhand von soziologischen Theorien zur sogennanten Netzwerkdiffusion. Die könnten die zum Teil erheblichen Unterschiede bei den Todeszahlen in den einzelnen Ländern gut erklären. Länder, die stark dem internationalen Reise- und Tourismusverkehr ausgesetzt seien – wie Frankreich, Italien und die USA – hätten deutlich mehr Todesfälle in Folge von Covid-19 zu verzeichnen. Länder mit einem niedrigen Reiseverkehrsaufkommen sowie Inselstaaten hätten dagegen wesentlich niedrigere Sterblichkeitsraten.

Dabei zeigte sich außerdem, dass die Maßnahmen umso wirksamer waren, je früher ein Land reagierte. Länder, die die Grenzen dicht machten, solange die lokale Verbreitung des Coronavirus noch überschaubar und durch die Gesundheitsämter nachverfolgbar war, konnten die Todeszahlen niedriger halten als Länder, die Reisebeschränkungen erst später oder gar nicht einführten.

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Welche Länder gut reagiert haben - und welche nicht

Grafik Länder Sterblichkeitsrate
Top 30 Länder mit der höchsten kumulativen Covid-19-Sterblichkeitsrate pro 100.000 Einwohner, Stand 30. Juni 2020
© WZB, Mortality by country table

Länder, die die Reisebeschränkungen bis Anfang März einführten, hatten eine um 62 Prozent niedrigere Mortalitätsrate als Länder, die diese erst Mitte März oder gar nicht einführten. Pro Tag, den ein Land früher Reisebeschränkungen verhängte, sei die Todesrate um 0,8 Prozent niedriger gewesen. Zu den Ländern, die früh reagiert haben und dadurch weniger Todesfälle zu verzeichnen hatten, gehören zum Beispiel Australien, Israel und Tschechien. Zu den Ländern, die erst spät reagierten, gehören Großbritannien, Frankreich und Brasilien. Zwar führte auch Deutschland Reisebeschränkungen eher spät ein, allerdings nicht ganz so spät wie die letztgenannten Länder.

Koopmans untersuchte auch, welche Arten von Reisebeschränkungen am wirksamsten waren. Dabei zeigte sich, dass obligatorische Quarantänen für Einreisende mehr Wirkung zeigten als Einreiseverbote. Dies läge daran, dass bei Einreiseverboten meist Ausnahmen für Rückkehrer oder Personen mit ständigem Wohnsitz im Zielland gelten würden. Die Quarantänepflicht gelte hingegen meist für jeden Menschen, der ins Land reist. Außerdem zeigte sich, dass gezielte Einreiseverbote für Länder mit vielen Corona-Fällen (in der Studie anhand der Beispiele China und Italien) besser wirkten als globale Einreiseverbote. 

Was heißt das für die zweite Welle?

"Die Ergebnisse der Studie lassen wichtige politische Rückschlüsse zu", so Koopmans – sowohl für die zweite Corona-Welle als auch für neue zukünftige Pandemien. "Länder, die viel internationalem Reisen ausgesetzt sind [...] sollten sich bewusst sein, dass sie ein höheres Risiko haben, neuen Ausbrüchen aus Ländern mit dem Ursprung einer Pandemie ausgesetzt zu sein." Daher folgert Koopmans – entgegen der ursprünglichen Annahme der WHO – "dass Einschränkungen von internationalem Reisen ein effektives Mittel in der Pandemie-Eindämmung sind, vor allem, wenn sie eingeführt werden, solange die heimischen Fall- und Todeszahlen noch gering sind."

Die Ergebnisse zeigen also, dass wir mit Maßnahmen wie der Quarantänepflicht nach Reisen in ein Risikogebiet und der generellen Aufforderung, so gut es geht auf Reisen zu verzichten, auf einem guten Weg sind.

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