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Hilfe für betroffene Jugendliche

Studie: Mehr als jeder 3. Berufsschüler erlebt sexualisierte Gewalt

Ein Mädchen sitzt vor einer Wand, auf der der Schatten einer Hand groß zu sehen ist. Foto: picture alliance/dpa/Symbolbild
Ein Mädchen sitzt vor einer Wand, auf der der Schatten einer Hand groß zu sehen ist. Foto: picture alliance/dpa/Symbolbild
© deutsche presse agentur

26. Februar 2021 - 13:41 Uhr

Mehr als jeder 3. hat bereits sexualisierte Gewalt erlebt

Mehr als 40 Prozent der Jugendlichen an beruflichen Schulen in Hessen haben einer aktuellen Studie zufolge bereits körperliche sexualisierte Gewalt erlebt. Über die Hälfte (56 Prozent) der weiblichen Jugendlichen berichteten beispielsweise davon, gegen ihren Willen angetatscht worden zu sein, wie der Bildungsforscher Ludwig Stecher von der Gießener Justus Liebig-Universität und die Erziehungswissenschaftlerin Sabine Maschke von der Philipps-Universität Marburg am Freitag erklärten. Bei den männlichen Jugendlichen waren es elf Prozent.

1118 Schülerinnen und Schüler befragt: Erschreckende Ergebnisse

Für die aktuelle Speak!-Studie hatten Wissenschaftler 1118 Schülerinnen und Schüler der Eingangsjahrgänge an beruflichen Schulen in der ersten Jahreshälfte 2020 anonym befragt, wie das Kultusministerium in Wiesbaden mitteilte. Die Jugendlichen im Alter von 16 bis 19 Jahren hatten einen standardisierten Fragebogen ausgefüllt. Stecher nannte die Erhebung repräsentativ, auch wenn die ursprünglich geplante Summe von 1500 Befragten wegen der Corona-Krise nicht habe erreicht werden können.

Jede vierte weibliche Jugendliche berichtete laut Studie davon, dass jemand versucht habe, Geschlechtsverkehr zu erzwingen (und 4 Prozent der männlichen Jugendlichen). Jede zwölfte weibliche Jugendliche habe nach eigenen Angaben einen erzwungenen vollzogenen Geschlechtsverkehr erleben müssen (1 Prozent der männlichen Jugendlichen).

Die meisten Jugendlichen erleben mehrmals sexualisierte Gewalt

Als Täter oder Täterin der körperlichen sexualisierten Gewalt sei in den meisten Fällen (36,5 Prozent) "eine mir fremde männliche Person" genannt worden, ansonsten unter anderem "der Bekannte" (22 Prozent) oder "der Freund" (21 Prozent). Als Tatorte beschrieben die Befragten unter anderem die "andere Wohnung/Party" (61,1 Prozent) und den "öffentlichen Raum" (54 Prozent) - aber auch die Schule (17,7 Prozent).

Die Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt seien in der Regel keine einmaligen; die allermeisten Jugendlichen erlebten dies wiederholt und mehr als eine Form, erläuterte Maschke. In früheren Speak!-Studien an Regel- und Förderschulen waren bereits 14- bis 16-Jährige befragt worden. Kultusminister Alexander Lorz (CDU) verwies darauf, dass die Landesregierung 2012 den "Aktionsplan des Landes Hessen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Gewalt in Institutionen" beschlossen habe. Die Speak!-Studien sollen Jugendlichen den Raum geben, über ihre Erfahrungen zu sprechen, sagte Maschke.

Je älter die Jugendlichen, desto ausgeprägter die Erfahrungen

"Die Ergebnisse zeigen in eindrücklicher Weise, dass sexualisierte Gewalt - in all ihren Formen, von der sexualisierten Beschimpfung bis hin zu körperlichen Formen sexualisierter Gewalt - zur alltäglichen Erfahrungswelt der Mehrheit der Jugendlichen gehört", bilanzierten die Forscher. Es sei dabei nicht so entscheidend, welche Schulform besucht werde, sondern vielmehr das Alter und das Geschlecht: Je älter die Jugendlichen, desto ausgeprägter die Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt.

Der Fragebogen sei von den Schülerinnen und Schülern mit großer Ernsthaftigkeit ausgefüllt worden, berichteten die Wissenschaftler. "Das ist nicht selbstverständlich und zeigt, dass die Fragen von großer lebensweltlicher Relevanz sind." Die Jugendlichen hätten wichtige Hinweise und Ratschläge für den Umgang mit sexualisierter Gewalt gegeben.

Präventionsarbeit sei besonders wichtig

"Zwei Drittel aller 16- bis 19-Jährigen erleben nicht-körperliche Formen sexualisierter Gewalt; bei den 14- bis 16-Jährigen in der Vorgängerstudie war es knapp die Hälfte", erläuterten die Experten. Besonders häufig würden verletzende sexuelle Witze gemacht. "Ein aus unserer Sicht darüber hinaus ernst zu nehmender Befund ist der hohe Pornografiekonsum männlicher Jugendlicher", sagte Maschke. Zwei Drittel gaben an, "öfter" Pornos anzuschauen. Etwa jeder vierte Dauernutzer finde nur noch solche Körper schön, die er in Pornos sieht, oder sagte, dass er immer mehr Pornos brauche.

Maschke und Stecher empfahlen für die Präventionsarbeit, zusätzlich zum möglichen sexuellen Missbrauch durch erwachsene Täter, den Fokus verstärkt auf sexualisierte Gewalt zwischen Gleichaltrigen zu richten. Außerdem sollte das Thema an den Schulen stärker behandelt werden. Lorz kündigte mehr spezielle Fortbildungen für Lehrer zu dem Thema an.

Akute Hilfe für Jugendliche

Betroffene Kinder und Jugendliche können sich jederzeit an eine dieser Anlaufstellen wenden, um dort Hilfe zu bekommen.

  • Hilfetelefon "Nummer gegen Kummer"

Der Verein Nummer gegen Kummer e.V. bietet Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern telefonische Beratung bei Problemen wie Streit, Mobbing, Gewalt, Missbrauch, Essstörungen, Depressionen oder Sucht.

Quelle: DPA/RTL.de

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