Studie in Neustadt am Rennsteig (Thüringen) angelaufen

Nach Corona-Quarantäne: Ganzes Dorf soll jetzt bei Forschung helfen

Der Ort Neustadt am Rennsteig stand zwei Wochen unter Corona-Quarantäne. Jetzt startete dort eine neue Studie.
Der Ort Neustadt am Rennsteig stand zwei Wochen unter Corona-Quarantäne. Jetzt startete dort eine neue Studie.
© deutsche presse agentur

14. Mai 2020 - 15:11 Uhr

Freiwillige Tests im Kampf gegen das Virus

Der 1000-Seelen-Ort im Ilm-Kreis war der erste in Thüringen, der wegen hoher Corona-Infektionszahlen Ende März für zwei Wochen komplett unter Quarantäne gestellt wurde. Jetzt sollen die Einwohner von Neustadt am Rennsteig der Forschung zu neuen Erkenntnissen im Kampf gegen das neuartige Virus verhelfen. Die Studie wird vom Universitätsklinikums Jena (UKJ) geführt und soll vor allem in Sachen Ausbreitungswege, Immunität und Krankheitsverläufe Aufschluss bringen.

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Auch Kinder werden getestet

Das Besondere an der Studie: Es sollen Daten von allen Altersgruppen, Menschen mit und ohne Vorerkrankungen und von Familien- und Singlehaushalten erhoben werden, erklärt Wolfgang Tiefensee, Thüringens Wissenschaftsminister, auf der zugehörigen Pressekonferenz. "Ich denke, das ist ein Novum in Deutschland. Wir kennen die Heinsberg-Studie, die in einigen Teilen fragwürdig ist und nicht diese solide Datengrundlage hat wie wir hier." Das nordrhein-westfälische Heinsberg war einer der ersten Hotspots der Corona-Pandemie in Deutschland. Die gleichnamige Studie kam zu dem Ergebnis, dass sich dort rund fünfmal mehr Menschen infizierten als offiziell erfasst worden war.

Die Untersuchungen in Neustadt unterscheiden sich von der in Heinsberg vor allem in diesen Punkten:

  • Das wissenschaftliche Team untersucht den gesamten Ort.
  • Insbesondere werden auch Kinder getestet. Dafür ist eigens ein Kinderarzt mit vor Ort.
  • Pro Patient werden mehrere Testverfahren angewendet, um eine mögliche Immunität gegen das Coronavirus sicher zu ermitteln.

So laufen die Tests in Neustadt am Rennsteig ab

Die Bewohner werden in Fragebögen und Einzelinterviews zur Symptomatik und möglichen Exposition mit dem Virus, zum Beispiel bei Veranstaltungen, befragt. Außerdem wird auf psychosozialer Ebene untersucht, wie sie sich während der Quarantäne gefühlt haben. Mit Blutproben werden die Menschen auf Antikörper und spezifische Abwehrzellen getestet; Abstriche sollen zeigen, dass das Virus sich im Ort nicht mehr verbreitet.

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Teilnehmerquote von 80 Prozent erwartet

Laut Bild-Zeitung rechnen die Forscher mit einer Teilnehmerquote von 80 Prozent. "Wir sind zuallererst einmal den Bewohnern von Neustadt am Rennsteig und Bürgermeister Dirk Macheleidt sehr dankbar, dass sie bereit sind, an der Studie teilzunehmen. Das ist keinesfalls selbstverständlich", so Professor Mathias Pletz, der die UKJ-Studie leitet, in einer Pressemitteilung. "Uns alle eint das Bedürfnis, so viel wie möglich über das neuartige Coronavirus herauszufinden. Eine einzigartige Situation wie in Neustadt kann hierbei so wertvolle Erkenntnisse liefern, dass wir diese Chance nicht ungenutzt lassen sollten."

500.000 Euro aus Corona-Sondervermögen

Finanziert wird die Studie aller Voraussicht nach mit 500.000 Euro aus dem Corona-Sondervermögen – er habe diesbezüglich von allen Fraktionen im Landtag die Rückmeldung, "dass das sehr, sehr positiv gesehen wird", erklärt Wolfgang Tiefensee. Die Wissenschaftler rechnen noch in diesem Jahr mit ersten Ergebnissen.