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Studie der Hilfsorganisation `Weisser Ring´ zeigt: Kriminalitätsopfer fühlen sich durch Ermittlungen belastet

Studie der Hilfsorganisation `Weisser Ring´ zeigt: Kriminalitätsopfer fühlen sich durch Ermittlungen belastet

Neue Erkenntnisse beim Opferschutz

Die Hilfsorganisation `Weisser Ring´ hat untersucht, wodurch Kriminalitätsopfer während der polizeilichen Ermittlungen besonders belastet werden. Die Ergebnisse der Studie wurden im Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden vorgestellt werden. An der Podiumsdiskussion über die neuen Erkenntnisse beteiligte sich auch der frühere BKA-Präsident Jörg Ziercke.

Keine angemessene Behandlung der Opfer

Kriminalitätsopfer und Angehörige von Opfern fühlen sich von Polizei und Staatsanwaltschaft nicht immer angemessen behandelt. Wer eine Straftat durchlebt hat, sei psychisch stark belastet, etwa bei Gewalt, einem Einbruch oder sexuellen Übergriffen, teilte der `Weiße Ring´ mit. Allzu oft müssten Opfer nach der Tat mit zusätzlichen Hürden fertig werden. Als Beispiele nannte die Opferhilfeorganisation, dass Polizei und Staatsanwaltschaft bei den Ermittlungen zu wenig Rücksicht nehmen. Vielfach würden Opfer auch zu wenig über ihre Rechte informiert.

Unnötige Belastungen während Ermittlungen

ARCHIV - Roswitha Müller-Piepenkötter, Vorsitzende der Organisation "Weisser Ring", spricht am 20.12.2016 in Ratingen in der JVA (Nordrhein-Westfalen). (zu dpa "Weißer Ring: Mehr Psychotherapeuten für Kriminalitätsopfer nötig" vom 20.03.2017) Foto: C
Roswitha Müller-Piepenkötter, Vorsitzende der Organisation `Weisser Ring´.
cas soe sab, dpa, Caroline Seidel

Viele Opfer von Straftaten klagen laut einer Umfrage über unnötige Belastungen während des Ermittlungsverfahrens. Jeweils rund 30 Prozent empfanden die Polizisten oder Staatsanwälte als unfreundlich oder die Vernehmungen als zu lang. Die Ermittler müssten stärker für die Perspektive des Opfers sensibilisiert werden, forderte die Vorsitzende des Stiftungsrat, Roswitha Müller-Piepenkötter.

Die Studie wurde von einem Forscherteam der Universitäten Heidelberg und Gießen sowie des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit Mannheim durchgeführt. Die Forscher analysierten unter anderem 178 Strafakten mit 251 Erhebungsbögen, führten 87 Interviews mit Opfern und Angehörigen, werteten 320 an Opfer gerichtete Fragebögen aus und nahmen an Gruppengesprächen mit Polizisten, Anwälten, Opferhelfern und Therapeuten teil.

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Zu wenige Informationen über Hilfsmöglichkeiten

Die Ergebnisse geben Einblick in die Belastungen vieler Opfer während eines Ermittlungsverfahrens: Laut Strafaktenanalyse dauerten Vernehmungen oft länger als zwei Stunden, vielfach kam es zu Mehrfachvernehmungen. Darüber hinaus war bei weniger als zwei Prozent aller Vernehmungen ein Rechtsanwalt des Opfers dabei.

In den Interviews gaben Betroffene zu Protokoll, dass sie sich oft rechtfertigen mussten oder Ermittler die Privatsphäre nicht beachteten. Die Analyse der Fragebögen zeigt, dass sich 52 Prozent der Befragten über den Verfahrensstand und 50 Prozent über ihre Rechte nicht genug informiert fühlten. 41 Prozent erhielten ihrer Meinung nach zu wenige Informationen über Hilfsmöglichkeiten.

Ausnahmesituation für Betroffene

Peter Henzler, Vizepräsident des Bundeskriminalamtes, spricht am 03.05.2017 in Berlin bei der Pressekonferenz der Fachtagung Cybercrime Conference C³ des Bundeskriminalamts (BKA) zu aktuellen Entwicklungen in der Cyberkriminalität. Foto: Britta Peder
Peter Henzler, Vizepräsident des Bundeskriminalamtes
ped, dpa, Britta Pedersen

"Menschen, die Opfer von Straftaten geworden sind, sind meist die wichtigsten, teilweise gar die einzigen Zeugen. (...) Das bedeutet auch, dass Polizistinnen und Polizisten zu den ersten Ansprechpartnern zählen, auf die Opfer von Kriminalität unmittelbar nach dieser einschneidenden Erfahrung treffen. Wir müssen uns daher immer wieder bewusst machen, dass das, was für uns tägliches Geschäft ist, für die Opfer meist eine bislang unbekannte, absolute Ausnahmesituation darstellt" sagt Peter Henzler, Vizepräsident beim BKA.

Obwohl der Umgang mit Opferzeugen in die Aus- und Fortbildung der Polizeibeamtinnen und -beamten einfließt, gebe es laut Henzler hierfür kein Patentrezept. "Vielmehr benötigt man ein hohes Maß an Feingefühl und Erfahrung, um auf die Ängste und Bedürfnisse von Opferzeugen einzugehen."

Einführung eines Fachanwalts für Opferrecht

Die Stiftungsratsvorsitzende Müller-Piepenkötter sah auch das Problem, dass Opfer im Ermittlungsverfahren zu oft auf sich allein gestellt sind. "Wichtig ist, dass Betroffene von Anfang an jemanden an ihrer Seite haben, der ihre Rechte vertritt und der sie über das, was gerade passiert, aufklären kann." Aus diesem Grund fordert die `Weisser Ring Stiftung´ die Satzungsversammlung der Bundesrechtsanwaltskammer auf, den Posten des Fachanwalt für Opferrechte einzuführen.