Studie der Bertelsmann-Stiftung: Jedes fünfte Kind wächst unterhalb der Armutsgrenze auf

17. Februar 2016 - 16:12 Uhr

"Existenzminimum für Kinder gehört auf den Prüfstand"

Jedes fünfte Kind unter 15 Jahren wächst in Deutschland unterhalb der Armutsgrenze auf, so das Ergebnis einer neuen Studie der Bertelsmann-Stiftung, die am Sonntag veröffentlicht wurde. Demnach würden betroffene Familien zwar staatlich unterstützt, doch das Geld ginge am Bedarf der Kinder vorbei.

Kinderarmut Symbolbild
Rund zwei Millionen Kinder in Deutschland wachsen unterhalb der Armutsgrenze auf. Weitere rund 480.000 Kinder liegen nur knapp darüber. (Symbolbild)
© dpa, Patrick Pleul

"Meine Kinder haben kein richtiges Bett, keinen Kleiderschrank. Ich bin alleine. Ihr Papa hat nur Schulden hinterlassen", sagt eine Frau, die lieber anonym bleiben möchte. Die Gründe, warum Familien in die Armut abrutschen, sind verschieden. Doch die Kinder teilen das gleiche Schicksal. Sie müssen schon früh lernen, selbst auf alltägliche Dinge zu verzichten. Rund zwei Millionen Kinder in Deutschland sind davon betroffen.

76 Prozent dieser Kinder sind beispielsweise noch nie in den Urlaub gefahren. Zum Vergleich: Bei Kindern aus gesicherten Verhältnissen sind es nur 21 Prozent. Gut ein Drittel der Kinder, die unterhalb der Armutsgrenze leben, darf keine Freunde zum Essen mit nach Hause bringen. 14 Prozent wachsen ohne Internet-Zugang auf. Und 10 Prozent dieser Kinder mangelt es sogar an ausreichend warmer Winterkleidung.

Etern sind frustriert, immer Nein sagen zu müssenl

Zugleich stellt die repräsentative Erhebung heraus, dass elementare Güter - eine warme Mahlzeit am Tag oder pünktliche Mietzahlungen - in Familien mit SGB-II-Bezug in der Regel gewährleistet sind. Eine zweite Untersuchung, für die Armutsforscher Familien befragt haben, bilanziert: Einkommensschwache Eltern wünschen sich für ihre Kinder vor allem gute Bildung und stellen eigene Bedürfnisse zurück. Sie empfinden es frustrierend, häufig Nein sagen zu müssen und aufgrund ihrer prekären Finanzlage praktisch keinen Handlungsspielraum zu haben.

Zusammengefasst zeigt die Studie, dass hierzulande drei Viertel aller Kinder in finanziell gesicherten, aber ein Viertel in finanziell unsicheren Verhältnissen groß werden. Die Auswertung der Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung zeigt eine deutliche Benachteiligungen von Kindern einkommensarmer Familien im Vergleich zu Haushalten mit gesicherten finanziellen Verhältnissen.

Als arm gilt eine vierköpfige Familie, deren monatliches Netto-Einkommen weniger als 1.873 Euro beträgt. "Für die Eltern ist es ganz zentral, dass es ihren Kindern gut geht. Sie ringen im Alltag immer wieder mit der Frage, was sie tun können für die Bildung ihrer Kinder, für das Wohlbefinden ihrer Kinder, für eine gute Freizeitgestaltung", sagt Sabine Andresen, Armutsforscherin der Goethe-Universität Frankfurt. Doch den Gang zur Beratung bei der Behörde erschweren Bürokratie und wechselnde Ansprechpartner mit wenig Zeit, zu denen die Betroffenen nur schwer Vertrauen fassen.

Der Bertelsmann-Stiftung zufolge legt die Befragung offen, dass das staatliche Unterstützungssystem Armut nur unzureichend auffange. "Materielle Unterversorgung und fehlende soziale Teilhabe sind eine schwere Hypothek, mit der Kinder ins Leben starten", betonte Jörg Dräger, Vorstand der Stiftung. Der Bedarf der Kinder, ihr Wohlbefinden und ihre Teilhabechancen müssten in den Mittelpunkt rücken, die staatliche Grundsicherung solle erhöht werden.