Neue Eskalationsstufe im Streit um die Region Berg-Karabach

Mehrere Tote und Verletzte bei Gefecht zwischen Aserbaidschan und Armenien

Es droht eine neue gefährliche Eskalation im Streit um die Region Berg-Karabach.
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27. September 2020 - 17:19 Uhr

Armenien verhängt Kriegszustand für das ganze Land

Es droht eine neue gefährliche Eskalation im Streit um die Region Berg-Karabach. Seit dem Ende der Sowjetunion streiten sich Armenien und Aserbaidschan um das Gebiet. Nach neuen Kämpfen hat Armenien jetzt den Kriegszustand für das ganze Land verhängt.

Schwere Kämpfe in Berg-Karabach

Gebietshauptstadt Stepanakert in Berg-Karabach
Blick auf die Gebietshauptstadt Stepanakert in Berg-Karabach.
© deutsche presse agentur

Im Südkaukasus, Region Berg-Karabach, ist es zwischen den verfeindeten Ländern Aserbaidschan und Armenien zu schweren Gefechten gekommen. Das bestätigen beide Länder. Die Behörden in Berg-Karabach teilten am Sonntag mit, dass sich die Menschen in Sicherheit bringen sollten. Die Hauptstadt Stepanakert sei beschossen worden. Es soll zahlreiche Verletzte und rund zehn tote Soldaten in dem Südkaukasus-Gebiet geben.

Armenien ordnet Kriegsrecht und Generalmobilmachung an

Armenien verkündete daraufhin die Generalmobilmachung und das Kriegsrecht. Regierungschef Nikol Paschinjan rief seine Landsleute am Sonntag in einem Facebook-Eintrag auf, sich für die Verteidigung des "heiligen Vaterlandes" bereitzuhalten. "Das Kriegsrecht und die Generalmobilmachung sind in Armenien angeordnet. Ich rufe das gesamte Personal auf, sich bei den Militärkommissariaten zu melden", erklärte Paschinjan weiter.

Gegenseitige Schuldzuweisungen

Nikol Paschinjan, Ministerpräsident Armeniens
Nikol Paschinjan, Ministerpräsident Armeniens. Beide Länder weisen sich gegenseitig die Schuld für die Gefechte zu.
© dpa, Kay Nietfeld, nie tba wst exa

Beide Seiten geben sich gegenseitig die Schuld für die Gefechte. Armeniens Premierminister Paschinjan hatte via Facebook mitgeteilt, dass aserbaidschanische Streitkräfte eine Offensive in Berg-Karabach gestartet hätten. "Die gesamte Verantwortung dafür hat die militärpolitische Führung Aserbaidschans", schrieb er dort. Nur deshalb habe Armenien Hubschrauber und Kampfdrohnen eingesetzt.

Das Verteidigungsministerium Aserbaidschans hingegen erklärte, die Armee habe eine "Gegenoffensive" gestartet, "um Armeniens militärische Aktivitäten zu stoppen und die Sicherheit der Bevölkerung zu schützen".

Schwerste Eskalation seit Jahrzehnten

Bundesaußenminister Heiko Maas appellierte an beide Länder: "Ich rufe beide Konfliktparteien dazu auf, sämtliche Kampfhandlungen und insbesondere den Beschuss von Dörfern und Städten umgehend einzustellen." Über die neue Eskalation im schon lange bestehenden Konflikt um die Region Berg-Karabach zeigte er sich alarmiert.

Auch die EU fordert ein sofortiges Ende der Kämpfe. EU-Ratspräsident Charles Michel erklärte, die Konfliktparteien müssten "umgehend an den Verhandlungstisch zurückkehren". Die Informationen über die jüngsten Kampfhandlungen seien Anlass zu "größter Besorgnis".

Russland rief ebenfalls zu einer sofortigen Waffenruhe in der Region auf. Außenminister Sergej Lawrow führe intensive Gespräche, um die Konfliktparteien zur Einstellung des Feuers zu bewegen, hieß es aus Moskau. Beide Länder müssten an den Verhandlungstisch zurückkehren.

Türkei schlägt sich auf die Seite Aserbaidschans

Die Türkei hingegen bezieht Stellung und macht Armenien für das erneute Aufflammen des Konflikts verantwortlich. Der Sprecher der Regierungspartei AKP, Ömer Celik, verurteilte per Twitter  "Armeniens Angriff auf Aserbaidschan". Das sei eine weitere armenische Provokation. Die Türkei werde Aserbaidschan beistehen, erklärte er, und fügte hinzu: "Armenien spielt mit dem Feuer und gefährdet den regionalen Frieden."

Konflikt seit 29 Jahren

Die von Armenien kontrollierte Region Berg-Karabach gehört völkerrechtlich zum islamisch geprägten Aserbaidschan. In einem Krieg nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verlor Aserbaidschan die Kontrolle über das Gebiet. Es wird heute von christlichen Karabach-Armeniern bewohnt. Seit 1994 gilt eine Waffenruhe, die aber immer wieder durchbrochen wird. Zuletzt eskalierte die Situation 2016.

Das völlig verarmte Armenien setzt auf Russland als Schutzmacht, die dort Tausende Soldaten und Waffen stationiert hat. Das ölreiche Aserbaidschan hat die Türkei als verbündeten Bruderstaat.

Das Auswärtige Amt erkennt die Region nicht als "Republik Berg-Karabach" an und bezeichnet sie als "von armenischen Streitkräften besetzte Gebiet der Republik Aserbaidschan".