Sexualstraftäter kriegen Ausgang fürs Bordell

Sexarbeiterin: Ich fühle mich nicht ernstgenommen

11. Februar 2020 - 20:15 Uhr

Straftäter besuchten Bordelle ohne Wissen der Prostituierten

Es sollte ein Teil der Therapie sein. Die forensische Klinik in Lippstadt erlaubt psychisch kranken Straftätern, Bordelle zu besuchen. Einer der Patienten ist ein wegen versuchter Vergewaltigung verurteilter Straftäter. Die Prostituierten wussten nichts von der Vorgeschichte der Männer. Josefa Nereus ist selbst Sexarbeiterin und kritisiert die fehlende Kommunikation. Was sie dazu sagt, sehen Sie im Video.

Josefa Nereus würde Zusammenarbeit mit Straftätern und Therapeuten unterstützen

Vier Patienten innerhalb der letzten fünf Jahre seien solche Besuche gestattet worden, erklärte der LWL auf RTL-Anfrage. Es handele sich um unbegleitete Ausgänge, die von der Klinik genehmigt werden müssten. Die Männer besuchten die Bordelle auf eigene Rechnung. "Ganz generell finde ich den Ansatz, zusammen mit Sexworkern, Ärzten und Patienten zusammenzuarbeiten sehr begrüßenswert", sagte Josefe Nereus im RTL-Interview. Was sie daran stört: "Ich bin der Meinung, dass alle Parteien, die bei einer Therapie involviert sind auch darüber aufgeklärt werden müssen, was eigentlich dort geschehen soll." Kurz gesagt: Die Sexarbeiterin will wissen, wenn sie mit einem Sexualstraftäter auf Freigang ins Bett geht. Das war bei den Freigängern der forensischen Klinik in Lippstadt nicht der Fall.

Generell sei Nereus einer "Therapie durch Sexarbeit" aber nicht abgeneigt. Im Gegenteil: Gerade die praktische Erfahrung, so die Sexarbeiterin, könnte bei der Therapie von Sexualstraftätern helfen. Ihr sei es wichtig, dass man "Sexworker" mit in die therapeutischen Vorgänge einbeziehe. "Jemanden einfach so in eine Therapie zu schubsen, ohne dass er weiß, was da eigentlich passiert, finde ich nicht verantwortungsvoll."

Sexarbeit als Chance für Straftäter

Chancen sehe Josefa Nereus besonders in der Zusammenarbeit mit Menschen, die selbst nie hätten erfahren können, was eine "normale Sexualität" ausmache. "Ich kann mir vorstellen, dass Menschen, die selbst aus Missbrauchserfahrungen kommen und nie gelernt haben, wie einvernehmliche Sexualität funktioniert, davon profitieren können, mit Sexworkern zusammenzuarbeiten." Doch bislang habe sie das Gefühl, Ärzte und Therapeuten würden das Gespräch mit Prostituierten scheuen: "Ich fühle mich als Sexworker da nicht ernstgenommen und nicht wertgeschätzt." Dabei hätten Sexworker einen riesen Vorsprung, was die praktische Erfahrung anbelange und wüssten "mit Sexualität umzugehen, die verheimlicht wird oder unterdrückt wird". Außerdem hätten sie "auch viel Erfahrung und Geduld, um sich der Sexualität von Menschen zu nähern und den Rahmen zu schaffen, dass Menschen sich öffnen können."

Josefa hätte nichts gegen einen Straftäter als Freier

Die "Sexworkerin" - so bezeichnet sich Nereus selbst - habe bisher noch keinen Straftäter als Kunden gehabt - zumindest nicht wissentlich. Abgeneigt wäre sie dem gegenüber aber grundsätzlich nicht, erklärte sie. "Ich hätte prinzipiell keine Angst, wenn sich jemand melden würde. Ich würde aber schon im meinem Netzwerk schauen, dass ich die Unterstützung bekomme, die ich da wirklich brauche, um mich sicher zu fühlen." Sie würde sich vorab über ihre Freier erkundigen und dann abwägen, ob sie bereit wäre, sich mit ihnen einzulassen oder eben nicht.

Das Wichtigste seien Offenheit und ein respektvoller Umgang miteinander und der Sexualität des anderen. Genau das könne man auch gemeinsam mit Patienten lernen.

Patienten kriegen Ausgang fürs Bordell

Einige Insassen der forensischen Klinik Lippstadt durften während des begleiteten Freigangs Bordelle im Ruhrgebiet besuchen, um positive Erfahrungen im Umgang mit Frauen zu sammeln. Speziell gehe es um Menschen, die "in ihrer Erwachsenenentwicklung eine beträchtliche Reifungsverzögerung haben", erklärt die ehemalige Leiterin der Klinik, Nahlah Saimeh.