“Es ruckelt gewaltig”

Stolper-Start in den verschärften Schul-Lockdown

Corona-Bekämpfung vs. Bildung

Es ist ein schmaler Grad zwischen der Bekämpfung der Pandemie auf der einen Seite und dem Aufrechterhalten der schulischen Bildung auf der anderen. Seit gestern findet deutschlandweit für rund elf Millionen Schüler der Unterricht per Videokonferenz und mit Online-Übungen statt. Doch „es ruckelt gewaltig“, sagt die Chefin der Bildungsgewerkschaft GEW Marlis Tepe. Bildungsserver streiken und Internetverbindungen brechen zusammen. Wir haben uns den Homeschooling-Alltag bei einer Familie in Köln mal genauer angesehen.

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Schüler müssen sich selbst organisieren

Morgens, 8 Uhr bei Familie Diedrichs in Köln. Sohn Henri und Tochter Marie loggen sich beide für den Unterricht ein. Henri ist 11 Jahre alt und geht in die sechste Klasse, Marie ist 14. Beide müssen sich selbst organisieren, weil beide Eltern Ärzte sind und somit nicht von zu Hause aus arbeiten können. Weil beide über einen eigenen Computer verfügen, ist das aber kein Problem. Mutter Zamfira ist dennoch besorgt, dass sich ihre Kinder zu Hause eventuell leichter ablenken lassen. „Sie können ja jederzeit die Kamera und das Mikro ausmachen.“ Gerade bei ihrem 11-jährigen Sohn wisse sie nicht, ob das mit dem Homeschooling eine so gute Idee sei.

Das Glück mit der Internetverbindung

Störungen bei Bildungsplattformen
Störungen bei Bildungsplattformen
RTL

Doch so lange unser Kamerateam da sind, funktioniert alles reibungsfrei – zumindest bei Marie und Henri. Denn beide berichten, dass eine gute Internetverbindung während des Homeschoolings so etwas wie ein Glückstreffer ist. „Wir haben meistens so 10-20 Minuten weniger Unterricht pro Stunde, weil viele Schüler noch nicht da sind. Wir fangen aber erst dann an, wenn alle Schüler da sind“, sagt der 11-jährige Henri.

Tatsächlich kein Einzelfall. Viele Bundesländer berichten gestern von Störungen durch Überlastung der Bildungsserver. Eine Karte des Internetportals „Netzwelt“ zeigt, dass es besonders in den Großstädten und Ballungszentren viele Netzprobleme gab. Aktuelle Störungen können dort gecheckt werden.

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"Homeoffice und Homeschooling gehen nicht zusammen"

Für Familie Diedrich ist es deshalb sogar ein Glücksfall, dass die Eltern nicht im Homeoffice arbeiten können. Zwei zusätzliche Computer im selben WLAN-Netz würden wahrscheinlich auch für Marie und Henri dazu führen, dass die Internetverbindung wesentlich schlechter würde.

Eine Erkenntnis, die auch Bundesfamilienministerin Franziska Giffey teilt. „Homeoffice und Homeschooling gehen nicht zusammen“, sagte die SPD-Politikerin. Sie bezog sich dabei aber nicht nur auf die Überlastung des Internets, sondern auch auf den oft mangelnden Platz.

Eine Erfahrung, die auch Zamfira Clement, Mutter von Henri und Marie, gemacht hat. „Ich habe es bei unseren Nachbarn mitbekommen. Da herrscht Chaos pur“, erzählt uns die Ärztin. „Wenn die Mutter im Homeoffice arbeitet, stürzt das Internet ab und die Kinder können nicht an der Videokonferenz teilnehmen. Von daher haben wir großes Glück.“

Noch immer fehlen Laptops und Tablets

Hinzu kommt, dass noch immer nicht alle Schüler und Schülerinnen in Deutschland mit digitalen Endgeräten, also Laptops oder Tablets, ausgestattet sind. Zwar versucht die Politik händeringend Computer zu beschaffen. Das hilft aber denen, die aktuell auf kein Gerät zugreifen können wenig.

Immerhin in Hamburg scheint es diesbezüglich rundzulaufen. In einem Interview mit dem NDR gab Hamburgs Schulsenator Ties Rabe bekannt, dass allein in Hamburg seit März 45.000 Laptops angeschafft und auch an die Schüler:innen verteilt wurden.

Zwar lassen sich die Zahlen nicht auf ganz Deutschland hochrechnen. Aber es ist ein Lichtblick.