Steuer-Talk bei Anne Will

Retten Nackensteaks die Mittelschicht?

Anne Will
Anne Will
© NDR

03. Februar 2020 - 6:04 Uhr

Munter wie lange nicht: Will muss sogar lachen

So munter wie am Sonntagabend ging es schon lange nicht mehr zu im Studio von Anne Will. Lindner zoffte sich mit Walter-Borjans, Brinkhaus verteidigte Nackensteak-Esser und zwischendurch musste die Moderatorin sogar lachen. Was war los? Es ging um die Steuern, um die Mittelschicht, um diejenigen, "die den Laden am Laufen halten". Mitte der Woche überraschte die SPD mit der Idee, den Solidaritätszuschlag nicht erst im kommenden Jahr, sondern schon Mitte dieses Jahres abzuschaffen - im Koalitionsausschuss blieb das Vorhaben erstmal stecken, aber die Debatte schwelt weiter. Die SPD macht nun Druck, die Groko hat ein neues Streitthema.

Es geht um Mittelschicht - oder was noch davon überig ist

ARCHIV - Flugbegleiterinnen der Deutschen Lufthansa AG stehen am 16.03.2017 am Flughafen in München (Bayern) während der Bilanz Pressekonferenz der Deutschen Lufthansa AG vor einem Fenster am Terminal. (zu dpa «Hauptversammlung der Lufthansa ohne gro
Flugbegleiterinnnen als Sinnbild für die "neue Mittelschicht".
© dpa, Sven Hoppe, shp tba wok

Aber eigentlich sollte es um das große Ganze gehen: Um die Mittelschicht oder das, was davon noch übrig ist. Dazu hatte Will die "Welt"-Journalistin Anette Dowideit eingeladen, die ein Buch darüber geschrieben hat. Titel: "Die Angezählten".

Die Mittelschicht, das seien für sie Flugbegleiter, Krankenpfleger oder Polizisten. "Früher hatte man in solchen Berufen das Gefühl, man ist angekommen", sagte die einzige Frau unter den Gästen "Das ist heute nicht mehr so." Im Gegenteil, heute greife Abstiegsangst um sich. Dass die Sicherheit von früher fehle, sei ein großes Problem.

„Der Blick nach vorne ist nicht mehr da“

Ralph Brinkhaus
Ralph Brinkhaus, "Nackensteak-Beauftragter" der CDU
© NDR/Wolfgang Borrs

Ulrich Schneider vom Paritätischen Gesamtverband, mittlerweile Linkspartei-Mitglied, schien genau zu wissen, was sie meinte. "Der Blick nach vorne ist nicht mehr da", sagte er. Früher habe man davon ausgehen können, dass jemand mit Realschulabschluss seinen Weg in der Verwaltung mache und jemand mit Studium ein gemachter Mann sei - und heute? Heute werde jeder zweite Arbeitsvertrag befristet. "Wenn ich dann einen stinknormalen Job mache, nicht so der Überflieger bin, dann mache ich mir nach anderthalb Jahren Sorgen, ob ich noch meine Familie ernähren kann", so Schneider mit ernstem Blick.

Ein wenig verunglückt wirkte da der Versuch von Brinkhaus, sich als Optimist darzustellen. Deutschland sei doch ein tolles Land, sagte er, nicht alles sei schlecht. Man müsse die Menschen in den Fokus nehmen, die das Land tragen, die "Nackensteak-Esser". Die Bemerkung war vermutlich gut gemeint, wirkte aber wie ein Ablenkungsmanöver - sei denn die Probleme, um die es ging, sind real. Die Mittelschicht steht tatsächlich unter Druck. In Großstädten macht sich jeder Normalverdiener Sorgen mit Familie Sorgen um die Mieten, auch auf dem Land drücken die Sozialversicherungsabgaben aufs Einkommen.

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Lindner prangert Spitzensteuersatz an

Christian Lindner, Walter-Borjans bei Anne Will
Christian Lindner diskutiert angeregt mit Walter-Borjans.
© NDR/Wolfgang Borrs

Auf einen Einspieler hin wandte sich die Runde dann dem Klassiker der Debatte zu: dem Spitzensteuersatz. Den zahlen jene auf Einkommen, das über 57.052 Euro liegt. Hier war Lindner in seinem Element: "Es ist eine Schande, dass sich der Spitzensteuersatz in die Mitte der Gesellschaft vorgefressen hat", wetterte er. Der SPD-Chef bewegte sich hier aber allerdings als ehemaliger Finanzminister von NRW auf vertrautem Terrain und war vorbereitet. Er zog einen Zettel aus der Innentasche seines Sakkos. "Ich habe hier den Steuerbescheid von jemandem, der 69.000 Euro verdient", sagte er. 62.000 würden überhaupt nur veranschlagt, im Schnitt zahle diese Person nur 28 Prozent Steuern.

Der Spitzensteuersatz dürfte jene jungen Polizisten in Hamburg wenig kümmern, die nebenbei noch Pizza ausfahren oder kellnern, weil sie sich die Miete in der Stadt nicht leisten können. Kein Einzelfall, wie auch Beispiele aus Bayern zeigten. Brinkhaus, noch immer im Optimismus-Modus, sagte, das sei ja nur eine Minderheit. Und gegen die steigenden Mieten helfe nur "bauen, bauen, bauen". Wirklich? Dowideit und Schneider meldeten Zweifel an. Das zeigte die Diskussion jedenfalls: Die Mittelschicht lässt sich nicht mit ein, zwei Gesetzen und zwei neuen Vorschriften retten.

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