Start des Afrozensus

Wie fühlen sich eigentlich Schwarze in Deutschland?

"Black Lives Matter"-Demonstration in Berlin.
© REUTERS, HANNIBAL HANSCHKE, THO

24. Juli 2020 - 20:08 Uhr

Schwarze Menschen sichtbar machen

Diese Frage scheint aktuell durch die "Black Lives Matter"-Bewegung, die Debatte über Rassismus in der Polizei und die anhaltenden Demonstrationen merklich an Relevanz für die breite Öffentlichkeit gewonnen zu haben. Der Start des Afrozensus könnte jetzt wohl nicht wichtiger sein. Es ist klar: Anti-Schwarze-Rassismus ist auch in Deutschland ein Problem.

Dass das Projekt "Afrozensus" zum Start am 21. Juli so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, damit haben die Köpfe hinter der Berliner Organisation "Each One Teach One" und "Citizens for Europe" wohl nicht gerechnet.

Diese Themen sind schon seit Jahrzehnten wichtig

Der Afrozensus ist eine Datenerhebung. "In der großen #AFROZENSUS Onlinebefragung, die im Frühjahr 2020 startet, sollen erstmals die Lebensrealitäten, Diskriminierungserfahrungen und Perspektiven Schwarzer, afrikanischer und afrodiasporischer Menschen erfasst werden.", heißt es auf der offiziellen Seite. Um es mit anderen Worten zu sagen: Der Afrozensus soll einen Einblick in das Leben Schwarzer Menschen geben und mit Zahlen belegen. Dabei ist die Befragung vollkommen anonym.

Joshua Kwesi Aikins , wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Kassel und bei der Berliner NGO "Citizens for Europe".
Joshua Kwesi Aikins , wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Kassel und bei der Berliner NGO "Citizens for Europe".
© ©Tania Castellví.

"Diese Debatten, die jetzt medial hochkochen, sind Themen mit denen wir als Community uns schon Jahrzehnte lang beschäftigen", betont Joshua Kwesi Aikins, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Kassel und bei der Berliner NGO "Citizens for Europe". Der Politikwissenschaftler war mitverantwortlich für die Entwicklung des Fragebogens.

Wir fragen Joschua Kwesi Aikins: Wozu der ganze Aufwand?

"Wir als Schwarze Menschen sind in Deutschland von einer spezifischen Form von Rassismus ausgesetzt -  dem Anti-Schwarzem Rassismus. Nicht alle, aber viele von uns sind im Alltag sehr sichtbar. Diese Sichtbarkeit, geht mit einer besonderen Gefährdung für das Erleben von Rassismus einher. Gleichzeitig sind wir in den vorhandenen Daten in Deutschland komplett unsichtbar. Das ist ein Widerspruch", erklärt Joschua Kwesi Aikins, "Diesem Widerspruch wollen wir begegnen, indem wir selbst Daten erheben, um uns zu empowern."

Dabei kann man nicht alle Schwarze Menschen über einen Kamm scheren. Eine Schwarze Frau macht beispielsweise ganz andere Rassismuserfahrungen, als ein Schwarzer Mann. Selbiges gilt auch für Menschen, die im Osten oder im Westen Deutschlands aufgewachsen sind.

Momentan gibt es also keine Zahlen darüber, wie viele Schwarze Menschen in Deutschland Leben und in welchen Bereichen sie Herausforderungen bewältigen müssen. Gerade auf politischer Ebene ist es wichtig, mit Zahlen argumentieren zu können, um Interessen zu begründen. Mit den Ergebnissen der Studie könnten demnach konkrete Maßnahmen und Handlungsvorschläge erarbeitet werden, um rassistische Strukturen und Handlungsweisen zu unterbinden.

Wichtiges Thema ist in der breiten Öffentlichkeit angekommen

Seitdem sich viele Institutionen, Stars und Einzelpersonen mit einem Schwarzem Quadrat in ihrem Instagram-Feed und dem Hashtag #Blackouttuesday klar gegen Rassismus aussprechen, ist klar: Das Thema ist in der breiten Öffentlichkeit angekommen. "Unser Anliegen ist es, dass es nicht als Trend-Thema behandelt wird", meint Joshua Kwesi Aikins.

Die Anmeldungen würden stetig steigen, deshalb könne er keine genaue Zahl verraten. Zum Start der Befragung waren es allerdings bereits knapp 6.000, Tendenz steigend.

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***eng/français*** #AFROZENSUS startet jetzt! Das Warten hat ein Ende! Danke für eure Geduld und die vielen Anmeldungen (fast 6000!) zum #AFROZENSUS. Ab heute versenden wir die Links zur Online-Umfrage*. Deswegen schaut in Eure E-Mail-Postfächer und legt los! Gemeinsam schreiben wir einen kleinen Teil Schwarzer Geschichte in Deutschland 🖤 Unsere Stimmen zählen, unsere Perspektiven zählen. #showsomeblacklove #afrozensus #blacklivesmatter #blackempowerment *Anmeldungen und Teilnahme zur Online-Befragung sind nach wie vor bis Mitte August auf www.afrozensus.de möglich. Dann endet die Umfrage. Please share 🖤 ***english*** #AFROZENSUS starts now! The wait is over! Thanks for your patience and the many registrations (almost 6000!) for #AFROZENSUS. Starting today we will send the links to the online survey*. So please check your e-mail inboxes and get started! Together we will write a small part of Black history in Germany 🖤 Our votes count, our perspectives count. #showsomeblacklove #afrozensus #blacklivesmatter #blackempowerment *Registrations and participation in the online survey are still possible until mid-August at www.afrozensus.de. Then the survey ends. Please share 🖤 ***français*** #AFROZENSUS commence maintenant ! L'attente est terminée ! Merci pour votre patience et les nombreuses inscriptions (près de 6000 !) pour #AFROZENSUS. À partir d'aujourd'hui, nous vous enverrons les liens vers l'enquête en ligne*. Veuillez donc vérifier vos boîtes aux lettres électroniques et commencez ! Ensemble, nous allons écrire une petite partie de l'histoire des Noirs en Allemagne 🖤 Nos votes comptent, nos perspectives comptent. #showsomeblacklove #afrozensus #blacklivesmatter #blackempowerment *Les inscriptions et la participation au sondage en ligne sont encore possibles jusqu'à la mi-août sur www.afrozensus.de. Ensuite, l'enquête se terminera. Veuillez partager 🖤

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Selbstverständlich seien sich die Organisatoren bewusst, dass sie gerade sehr viel Aufmerksamkeit aufgrund der Proteste bekommen würden, jedoch hofft Joshua Kwesi Aikins, dass sich die Leute auch noch für das Thema interessieren, wenn die Daten zum Ende des Jahres ausgewertet sind.

Besonders interessant: Sowohl die öffentliche Debatte, als auch die anhaltende Corona-Pandemie haben Einfluss auf den Fragebogen genommen.

Prominenter Zuspruch

Medienberichten zufolge haben sich neben der Grünen-Politikerin und Vizepräsidentin des Schleswig-Holsteinischen Landtages Aminata Touré, auch Rapper wie Megaloh und Journalistinnen wie Aminata Belli klar für den Afrozensus ausgesprochen.

Nach dem Start der Befragung sei es am wichtigsten, weiter Menschen zu erreichen und so viele Daten wie möglich zu erheben. Der Afrozensus läuft insgesamt vier Wochen. Interessierte können immer noch daran teilnehmen.