Exklusives stern-Interview

Whistleblowerin: China führt Deutschland als Staatsfeind auf geheimen Listen

Flaggen Chinas und  Deutschlands
© dpa, Ole Spata, ole htf cul

17. Juni 2020 - 12:31 Uhr

Volksrepublik China soll Deutschland auf geheimen Listen als Staatsfeind führen

Deutschland soll sich auf einer Liste mit den gefährlichsten Feinden Chinas unter den ersten fünf befinden. Das berichtet die Whistleblowerin Sayragul Sauytbay in einem exklusiven Interview mit dem stern. Sauytbay, die man in China in eines der geheimen Umerziehungslager verschleppte und zwang, dort als Lehrerin zu unterrichten, berichtet von geheimen Dokumenten, in denen Chinas Haltung gegenüber seinem westlichen Wirtschaftspartner sehr explizit thematisiert wird.

Vorwurf Deutschland wolle China spalten

"Es hieß, dass Deutschland versuche, die Entwicklung Chinas zu sabotieren und Lügen über die Kommunistische Partei zu verbreiten. Dass es China spalten wolle. Im Unterricht mussten wir den Gefangenen beibringen, dass die Demokratien im Westen gescheitert seien und zerfallen. Es ging darum, den Gefangenen im Lager klar zu machen: China ist die einzige Macht. Ihr müsst Euch unterwerfen!", sagt die 43-Jährige dem stern.

Sauytbay verbrachte knapp fünf Monate in einem der Lager und ist die erste Überlebende, die als Zwangsrekrutierte und Kronzeugin die geheimen Strukturen und Pläne der Lager beschreiben kann. Ihre Schilderungen von den Zuständen sind so einzigartig wie ungeheuerlich. Folter und medizinische Experimente seien laut Sauytbay an der Tagesordnung. Auch sie selbst habe man aufgrund eines "Regelverstoßes" aufs brutalste bestraft. "Ich wurde in den "schwarzen Raum" gebracht. Er war knapp 20 Quadratmeter groß und in der Mitte stand ein großer Tisch mit vielen Folterinstrumenten: Metallstangen, Elektroschocker, ein Stuhl mit Nägeln. Hätte man mir vorher davon erzählt, ich hätte es nicht geglaubt. Sie schnallten mich auf einen elektrischen Stuhl und quälten mich, bis ich bewusstlos wurde."

Whistleblowerin Sayragul Sauytbay erhält laut eigener Aussagen regelmäßig Drohungen

Zudem reflektiert Sauytbay die Rolle von internationalen Konzernen in der Region Xinjiang und spricht dabei auch explizit über die Verantwortung des VW-Konzerns. Befragt nach ihren Empfindungen anlässlich der Äußerungen von Konzernchef Herbert Diess, der im vergangenen Jahr sagte, nichts über die Zustände in den Umerziehungslagern zu wissen, bat sie den Auto-Chef um ein persönliches Treffen. "Ich würde Herrn Diess gern einladen und ihn fragen, ob es ihn als Deutschen nicht berührt, was in meiner Heimat mit den Menschen passiert. Gerade vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges."

Sauytbay, die mittlerweile mit ihrer Familie in Schweden lebt, erhalte nach wie vor regelmäßig Drohungen übers Telefon. Die Nummern der Anrufer stammten immer aus China. Sauytbays Schilderungen decken sich mit den Erfahrungsberichten von Überlebenden und den Recherchen vieler Hilfsorganisationen, die seit Jahren Informationen über die Lager sammeln.

China kreiert permanent eine feindliche Atmosphäre

"Jede westliche Demokratie ist grundsätzlich ein Feind Chinas und aus chinesischer Perspektive wird sich daran erst was ändern, wenn westliche Demokratien wie Deutschland diese aufgeben", schätzt RTL-Reporterin Pia Schrörs ein. Das sei das Ziel Chinas und daran arbeite China unter Xi Jinping kontinuierlich und auch erfolgreich, so die China-Korrespondentin. "Und Deutschland als ein führender westlicher Industriestaat ist natürlich weit oben auf der Liste. Kommunistische Diktaturen wie China kreieren permanent eine feindliche Atmosphäre, nur so können sie überhaupt ihr Machtmonopol aufrechterhalten", sagt RTL-Reporterin Pia Schrörs.

Dass Deutschland in China auf der Liste der Staatsfeinde in den Top 5 stehe, ist laut der chinesischen Journalistin Qin Liwen nicht überraschend. Die kommunistische Partei sehe jedes westliche Land als ein Staatsfeind. Im RTL-Interview machte die chinesische Publizistin und Journalistin deutlich: "Das lernt man nicht nur in chinesischen Umerziehungslager, das wurde uns schon im Kindergarten, in der Schule und in der Universität eingetrichtert. Das ist sogar Inhalt bei Prüfungsfragen bei der Aufnahmeprüfung für die Universitäten, aber auch bei Eingangsprüfungen für den öffentlichen Dienst."

Staatspräsident Xi Jinping wolle die Weltordnung verändern. Und daran arbeitete er laut Liwen erfolgreich. "Deutschland muss nicht befürchten, plötzlich von China attackiert zu werden, es wird bereits seit Jahren von China attackiert, nur sieht Deutschland das nicht oder will es nicht wahrhaben", so die chinesische Journalistin, "Sei es, dass China Unternehmen oder deutsche Technologie kauft oder ausspioniert, deutsche Medien attackiert oder auch die Wissenschaft mit direkter Kritik und Visa-Verweigerungen letztendlich zur Selbstzensur zwingt."