Sea-Watch-Landung in Italien

Staatsanwalt fordert Ausweisung: Wird Kapitänin Rackete bald freigelassen?

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1. Juli 2019 - 22:59 Uhr

Sie fuhr mit 40 Migranten an Bord nach Lampedusa - trotz Verbots

Die 31-jährige Schiffskapitänin Carola Rackete wurde von einem Ermittlungsrichter auf Sizilien vernommen. Sie war vergangene Woche unter Hausarrest gestellt worden, nachdem sie trotz eines Verbots der Regierung den Hafen der Insel Lampedusa mit 40 Migranten an Bord anfuhr. Der italienische Staatsanwalt Luigi Patronaggio forderte nun die Ausweisung der Deutschen, wie die Organisation Sea Watch dem Redaktionsnetzwerk Deutschland bestätigte. Damit könnte auch der Hausarrest für Rackete aufgehoben werden. Eine Freilassung sei wahrscheinlich, so ein Sprecher der Organisation. Die Entscheidung ist aber erstmal auf Dienstag vertagt worden.

"Das sind Verbrecher"

Der Kapitänin werden Beihilfe zur illegalen Einwanderung, Verletzung des Seerechts und Widerstand gegen die Staatsgewalt vorgeworfen, weil sie sich Anweisungen von Militärschiffen widersetzt haben soll. Für Italiens Innenminister Matteo Salvini ist die Aktion der Beweis, dass die Seenotretter "Kriminelle" seien: Sie haben die Masken abgelegt: "Das sind Verbrecher", so Salvini. Rackete hatte vorher etwa zwei Wochen lang versucht, eine Erlaubnis zum Anlegen zu bekommen.

Vater hofft auf Hilfe der Bundesregierung

Ihr Vater Ekkehart Rackete beschreibt sie als politisch interessiert und analytisch. "Eine sozialrevolutionäre Ader hat sie nie gehabt.", betont er im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. "Sie ist nicht blauäugig auf einen Abenteuertrip gegangen", sondern habe einige Wochen bevor sie nach Lampedusa geflogen sei, intensiven Kontakt mit dem italienischen Rechtsbeistand von Seawatch gehabt.

Erst gestern habe der 74-Jährige mit ihr telefoniert: "Sie ist lustig und guter Dinge und sieht der ganzen Sache eigentlich gelassen ins Auge." Er hofft auf den Einsatz der Bundesregierung: "Ich denke der internationale Druck auf die italienische Regierung wird einiges bewirken", so Ekkehart Rackete aus dem niedersächsischen Hambühren. Er halte Italien aber "nach wie vor" für einen souveränen Rechtsstaat und mache sich keine großen Sorgen um das Schicksal seiner Tochter.

Viele Spendenaktionen für Carola Rackete

Aus Deutschland erreichte die Kapitänin eine Welle der Solidarität. Durch Spendenaktionen sammelten die Fernsehmoderatoren Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf bis Montagnachmittag mehr als 735.000 Euro. Auch YouTuber Rezo unterstützte die Aktion und nannte die Verhaftung der Kapitänin "abgefuckt".

Auf einer italienischen Facebook-Seite wurden ebenfalls über 410.000 Euro gesammelt. Die Summe garantiert Rackete eine gute Rechtsvertretung. Die italienische Regierung sieht für das unerlaubte Einfahren Strafen in Höhe von bis zu 50.000 Euro vor

Bundesregierung kritisiert Italien

Demonstration in Italien für die Freilassung von Carola Rackete.
Europaweit demonstrieren Menschen für die Freilassung der Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete.
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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kritisiert Italien für Racketes Festnahme. Im Sommerinterview des ZDF stellte er das Vorgehen der Regierung in Rom gegen die Seenotretter in Frage. Es könne ja sein, dass es italienische Rechtsvorschriften gebe, wann ein Schiff einen Hafen anlaufen dürfe, sagte Steinmeier. "Nur: Italien ist nicht irgendein Staat. Italien ist inmitten der Europäischen Union, ist Gründungstaat der Europäischen Union. Und deshalb dürfen wir von einem Land wie Italien erwarten, dass man mit einem solchen Fall anders umgeht."

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) twitterte am Samstag: "Seenotrettung darf nicht kriminalisiert werden. Es ist an der italienischen Justiz, die Vorwürfe schnell zu klären." Menschenleben zu retten, sei eine humanitäre Verpflichtung.

Heldin oder Kriminelle?

Die Welt ist sich uneins, wie der Fall von Carola Rackete zu bewerten sei. Handelt es sich um ein Musterbeispiel für tadellose Nächstenliebe oder um ein kriminelles Vergehen, das einer straffen Sanktionierung bedarf? Wie es langfristig für die Sea-Watch weitergeht, ist noch unklar. Spätestens Dienstag wird ihre Vernehmung und eine mögliche Bestätigung des Haftbefehls erwartet