19. Oktober 2015 - 16:49 Uhr

"Ihr bringt mich wieder ins Heim, obwohl ihr wisst, dass es mir im Heim schlecht geht"

Im Juli berichtet RTL vom Verschwinden des 12-jährigen Tom aus seinem Kinderheim in Ostfriesland. Während Polizei und Feuerwehr nach ihm suchen, tauchen im Internet Fotos und Videos von ihm auf. Hierin richtet sich der Junge an die Polizei und bittet darum, die Suche nach ihm einzustellen. Untersuchungen ergaben: Die selbsternannte "Kindesretterin" und Aktivistin Angela M. hatte das knapp einstündige Video erstellt und Tom angeblich auf seinen eigenen Wunsch über dreieinhalb Wochen in ihrem Haus versteckt. Der Junge soll vor vermeintlich miserablen Zuständen und vor allem wegen Bestrafungen von Betreuern wegen Kleinigkeiten aus dem Kinderheim geflüchtet sein. Doch das Video und Aussagen von Angela M. werfen viele Fragen auf: Ist das Video inszeniert? Für die Behörden ist Tom nicht selbständig geflüchtet, also liegt hier ein Fall von Selbstjustiz vor. Im Video sagt Tom: "Ihr bringt mich wieder ins Heim, obwohl ihr wisst, dass es mir im Heim schlecht geht." – Das hat sich bewahrheitet. Inzwischen ist der 12-Jährige wieder im Heim und immer noch wird gegen die 52-jährige Angela M. und andere ermittelt.

RTL-Reporter Martin Drohsel geht erneut auf Spurensuche. Er beleuchtet nicht nur das Vorgehen der Aktivisten, die Kinder aus Heimen befreien und verstecken, weil sie die Situation für nicht tragbar halten. Er trifft auch Frauen, die das Innenleben in deutschen Heimen kennen – weil sie selbst im Heim aufwuchsen oder hier arbeiteten.

Ilona H. hat als Psychologin und Betreuerin in vier Heimen gearbeitet. Sie habe das Vertrauen in die Behörden komplett verloren und Szenen erlebt, die sie als nicht kindgerecht empfand: " Zum Beispiel, dass einem Dreijährigen der Teller weggerissen wird, weil der Chef nicht möchte, dass er noch mehr isst. Eine vierjähriges Kind, das angeschrien wird, weil es nicht auf Toilette möchte. Personal, das eben halt nur die Kinder anschreit, um sich durchzusetzen." Auch eine junge Frau, die früher ein Heimkind war, berichtet von schlimmen Zuständen: "Ich hatte einmal eine Auseinandersetzung mit dem Heimbetreiber. Der ist ein paar Mal handgreiflich geworden mir gegenüber."

Solche Szenen werfen Fragen auf: Ist das Kindeswohl in deutschen Heimen gewährleistet? Oder sind Kinderheime sich selbst überlassen?

"Es gibt zu wenig Kontrolle"

"Es gibt zu wenig Kontrolle", weiß Rainer Becker, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Kinderhilfe. Er kennt die Schwierigkeiten genau: "Die Jugendämter sind personell zu schlecht ausgestattet und versuchen irgendwo, sich durchzuwursteln." Eine Kontrolle von Außenstehenden wie etwa Psychologen gebe es nicht. Kontrollen seien nicht über einen längeren Zeitraum angelegt. So ist es kaum möglich zu bemerken, wenn irgendetwas zu entgleiten droht.

In Deutschland entscheiden nämlich die über 600 Jugendämter selbständig über Intensität und Häufigkeit von Kontrollen, einheitliche Standards gibt es nicht. Auch die 21-jährige Sarah Vogt, die vor Jahren als Schwererziehbare freiwillig ins Heim ging, sagt: "Hier muss viel verbessert werden."

Wegen des enormen Handlungsbedarfs, so sagen sie selbst, setzen sich selbsternannte Aktivisten wie Angela M. und andere für das Kindeswohl ein. Häufig begründen sie dies mit einem finanziellen Interesse der Ämter. Beweise dafür gibt es allerdings nicht. Doch immerhin hatten Fälle in der Vergangenheit Schlagzeilen gemacht, in denen öffentliche Gelder an Heime gingen, die diese dann aber nicht immer zur Kinderbetreuung eingesetzt hatten.

Für Ilona H., die ausgebildete Psychologin, ist das aber keinerlei Rechtfertigung, Kinder einfach aus ihrem Lebensumfeld zu reißen: "Menschen wie Angela M. blenden aus, dass Kinder wie Tom gerade durch Entziehung und Verstecken Schaden nehmen können." Und auch das ehemalige Heimkind Sarah Vogt betont, dass sich in den Heimen selbst etwas ändern muss. Aber Kinder entziehen, das sei keine Lösung: "Weil ich nicht glaube, dass den Kindern damit geholfen ist. Wenn fremde Menschen die entführen und aufnehmen, ist trotzdem der Kern des Problems damit nicht gelöst."