Spekulationen um Mordserie in Ukraine – eine Einschätzung von RTL-Reporter Dirk Emmerich

RTL-Reporter Dirk Emmerich im Krisengebiet von Donbass.
RTL-Reporter Dirk Emmerich im Krisengebiet von Donbass.

21. April 2015 - 17:54 Uhr

Von Johanna Meier

Es ist eine Mordserie, die viele Spekulationen mit sich bringt. Nachdem zwei bekannte pro-russische Regierungskritiker vergangene Woche in der Ukraine getötet wurden, tauchte plötzlich ein Schreiben der nationalistischen Gruppe 'Ukrainische Aufständische Armee' (UPA) auf. Darin bekennen sie sich zu den Morden an dem Ex-Abgeordneten Oleg Kalaschnikow und dem Journalisten Oles Busina sowie vorherigen Attentaten.

Seit Beginn des Jahres sind zehn Regierungskritiker unter teils mysteriösen Umständen ums Leben gekommen. Doch gibt es die UPA tatsächlich? Und wer steckt dahinter? Das erste Mal war während der Revolution auf dem Maidan-Platz in Kiew die Rede von der ultranationalistischen Gruppe. Sie hatte sich damals zu den Polizistenmorden während der Ausschreitungen bekannt. Dann wurde es still um die vermeintliche 'Terror-Gruppe' - bis jetzt.

Um zu beweisen, dass sie tatsächlich für die Morde verantwortlich sind, lieferten sie eine detaillierte Schilderung des Tathergangs. RTL-Reporter und Russland-Experte Dirk Emmerich beschreibt die Geschehnisse um die ultraradikale UPA als "nebulös". In Kiew war man sich jedoch schnell einig, dass Moskau hinter der Mordserie stecke und mit der UPA eine imaginäre Gruppierung dafür verantwortlich mache. "Nach allem, was die Ukraine in den letzten anderthalb Jahren erlebt hat, ist in der Tat nicht auszuschließen, dass die Drahtzieher aus russischen Geheimdienstkreisen kommen", sagt Dirk Emmerich, betont jedoch, dass es dafür keine Beweise gebe, "allenfalls Mutmaßungen".

Putins jüngster Fernsehauftritt untermauert diese "Mutmaßungen" jedoch. Es war der Tag, an dem Oles Busina ermordet wurde. Während des vierstündigen Fernseh-Marathons, bei dem der Kreml-Chef Fragen der Bürger beantwortete, war er auffällig präzise genau über die Tat informiert und sprach schnell von einem "politischen Mord". "Putin ist in hohem Maße daran interessiert, die Regierung in Kiew zu diskreditieren und deutlich zu machen, dass sie die Lage im Land nicht kontrolliert", beschreibt der Russland-Experte die mögliche Motivation, die hinter einer russischen Beteiligung an den Verbrechen stecken könnte. "Putins Ziel ist - auch wenn er selbst immer wieder das Gegenteil beteuert - eine weitere Destabilisierung der Ukraine."

"Vielleicht schließen sich beide Varianten ja auch gar nicht aus"

Die Wahrheit könnte laut Dirk Emmerich aber auch irgendwo dazwischen liegen. So sei es ebenso gut denkbar, "dass Moskau die Mörder instrumentalisiert und ihnen gezielt einen ultra-nationalistischen Hintergrund verpasst hat". Die Mörder könnten demnach von Moskau gesteuert sein, ohne dies zu wissen.

Auch die ukrainischen Medien halten beide Varianten - Ultra-Nationalisten oder russischer Geheimdienst - für möglich. "Dennoch ist offensichtlich, dass ein losgelöstes Agieren der Ultra-Nationalisten eher für unwahrscheinlich gehalten wird", berichtet er.

Die Gefahr, die von ultrarechten Gruppierungen ausgeht ist gering. Sie haben bei den Wahlen im letzten Jahr kaum Stimmen bekommen und somit den Einfluss auf das öffentliche Leben verloren. Dennoch herrscht noch immer Krieg in der Ukraine, die politische Stimmung ist angespannt. Nicht zuletzt deshalb sollte die Regierung in Kiew "dieses Bekenner-Schreiben sehr ernst nehmen", findet Dirk Emmerich. "Die beiden Morde von Kiew in der letzten Woche stellen dabei eine neue Stufe der Eskalation dar, die dringend einer Aufklärung bedürfen."