Helfer unter Druck

Sozialarbeiter haben in der Pandemie mehr zu tun, bekommen aber weniger Unterstützung

Dreharbeiten im Café des Vereins "Straßenkinder e.V."
Für Kinder und Jugendliche, die auf der Straße leben, gibt es hier in Berlin-Friedrichshain Getränke, Snacks und Lebenshilfe
Keller, rtl.de

von Lothar Keller

Keine Schule, überforderte Eltern, Stress zu Hause – Pandemie und Lockdown machen das Leben für viele Kinder und Jugendliche noch schwerer. In Berlin kümmert sich der Verein „Straßenkinder e.V.“ um sie. Von den Behörden werden die Sozialarbeiter kaum unterstützt.

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Der Traum von der eigenen Wohnung

Der 21jährige Vasukis will uns nicht alles erzählen. Warum er schon im Gefängnis war, zum Beispiel. Jedenfalls haben ihn seine Eltern danach zu Hause rausgeworfen. Seit anderthalb Jahren lebt er in Berlin auf der Straße, wenn er nicht gerade im Café von „Straßenkinder e.V.“ sitzt, einem Verein der sich um Kinder und Jugendlich wie ihn kümmert. An diesem Mittwoch schaut er sich eine Wohnung an: „Der Verein hat mir erklärt, wie ich ein betreutes Einzelwohnen bekommen kann und auch den ganzen Papierkram erledigt“, erzählt er uns. „Ohne sie hätte ich das nicht geschafft.“

Vasukis ist nicht allein. In der Corona-Pandemie sind in Berlin noch mehr Kinder und Jugendliche auf der Straße gelandet als sonst. Wenn Eltern und Kinder in kleinen Wohnungen aufeinander hocken, dann gibt es Stress. Da bauen manche lieber ein Zelt in einem Park oder einem leeren Haus auf, wo schon andere Gleichaltrige Platz gefunden haben.

Keine Hilfe von den Behörden

Das Café von „Straßenkinder e.V.“ in Berlin-Friedrichshain ist dann die erste Anlaufstelle für ein Getränk, für einen warmen Snack und ein Gespräch: Wie komme ich wieder raus aus Drogensucht und Obdachlosigkeit, wie finde ich eine Wohnung und einen Job? Die Sozialarbeiter nehmen Kontakt zu den Berliner Ämtern auf – wo derzeit aber kaum jemand antwortet. Im Homeoffice sind viele Berliner Beamte offensichtlich unerreichbar. „Das Jobcenter funktioniert prima. Bei allen anderen Ämtern …Katastrophe“, seufzt Streetworkerin Victoria Utri „Das ist schon für uns frustrierend, und umso schlimmer ist es für die jungen Leute, die dieses System noch weniger verstehen.“

Victoria, die das Straßenkinder-Café mit viel Humor und klaren Ansagen leitet, sieht hier einen großen Widerspruch: „Einerseits übernehmen wir staatliche Aufgaben, holen Kinder und Jugendliche von der Straße und beraten sie. Andererseits bekommen wir vom Staat jetzt noch weniger Unterstützung.“

Wenn der Kontakt zu Kindern verloren geht

100 Laptops beschafft
Eckhard Baumann, der Vorsitzende von „Straßenkinder e.V".
Keller, rtl.de

Das beklagt auch Eckhard Baumann, der Vorsitzende von „Straßenkinder e.V.“ Er leitet das „Kinder- und Jugendhaus Bolle“ in Berlin-Marzahn, wo Kinder Hausaufgabenhilfe bekommen. Dank der Spenden verschiedener Stiftungen konnte der Verein 100 Laptops anschaffen und an Kinder verteilen, die sonst beim Lernen zu Hause völlig aufgeschmissen gewesen wären. „Vor Corona hatten wir Bildungslücken“, sagt Baumann, „jetzt haben wir Bildungsabbrüche.“ Viele Kinder, so fürchtet er, werden nach Corona nicht mehr beschulbar sein.

An einem der Schreibtische sitzt Michael und tut alles, um in der Schule weiter mitzukommen. Von seinem Lehrer hat er ein PDF mit Aufgaben zugeschickt bekommen. Zuhause könnte er die nie lösen - „da ist zu viel Lärm“, sagt er. Mit Eltern und drei Geschwistern lebt er in drei Zimmern. Im „Bolle“ hilft ihm der Student Karlsson dabei, für den Geschichtsunterricht deutsche Kolonien auf der Weltkarte zu finden. Auch Karlsson macht sich Sorgen um die Kinder, die während des Lockdowns in ihren Plattenbauwohnungen verschwunden sind: „Sie nehmen keinen Kontakt mehr auf und haben den Halt im Leben verloren. Das ist für uns auch echt schwer, wenn wir über längere Zeit Beziehungen aufgebaut haben, die jetzt von einem Tag auf den anderen weggebrochen sind.“

Die soziale Feuerwehr

Laut einer aktuellen Studie der Fachhochschule Fulda beklagen drei Viertel der Beschäftigen in der Sozialarbeit, dass es in der Pandemie viel schwieriger ist, Kontakt zu ihren Klienten zu halten – während sich deren Lebensumstände erheblich verschlechtern.

„Wir sind die soziale Feuerwehr“, sagt Eckhard Baumann. Aber immer wieder steht jemand auf dem Schlauch. Für die Winterferien hatte er mit seinem Team ein umfangreiches Freizeitprogramm geplant – dann kam der Berliner Senat und entschied, dass nur noch Einzelbetreuung erlaubt war. „Das macht uns mürbe, das frustriert alle. Wir versuchen, hier für positive Stimmung zu sorgen, aber die Akkus sind bald aufgebraucht.“

Die Helfer brauchen Hilfe - für eine Arbeit, die über die Zukunft vieler Kinder und Jugendlicher mit entscheidet. Und die in der Pandemie noch wichtiger ist als vorher.