“Hart aber fair“ zu COVID-19

“Das ist fatal und jetzt im Moment tatsächlich tödlich“

Moderator Plasberg sprach mit seinen Gästen über die Coronakrise.
© dpa, Horst Galuschka, hg sab kde alf

08. April 2020 - 9:48 Uhr

Dauerhafte Einschränkung von Senioren sinnvoll?

Gegenüber dem Magazin 'Die Zeit' äußerte sich Gesundheitsminister Jens Spahn folgendermaßen: "Wir werden die Älteren möglicherweise über mehrere Monate bitten müssen, ihre Kontakte stark einzuschränken und im Zweifel zuhause zu bleiben." Wie sinnvoll diese gewünschten Maßnahmen sind, diskutierte man an diesem Montag bei 'Hart aber fair'. Neben einem Expertenstab im Studio gab es auch eine Video-Schaltung zu Wibke Worm einer Expertin der häuslichen Pflege. Im Einzelgespräch mit Frank Plasberg warf sie der Runde viele Fragen in den Raum.

Ältere sollen Kontakte länger reduzieren

In NRW kommt jeder dritte Tote im Zusammenhang mit Corona aus einem Pflegeheim. Diese Statistik beunruhigt die Angehörigen und verleitet Politiker zu drastischen Maßnahmen. Bundeskanzleramtschef Helge Braun, verkündete in der vergangenen Woche, die Älteren und Kranken müssten ihre Kontakte deutlich länger reduzieren, als der Rest der Bevölkerung. Dies sei eine wichtige Grundaussage, die nun bereits abzusehen ist. 

Die Gäste und ihre wichtigsten Aussagen

  • Gerontopsychiater und Professor für Altersmedizin an der Universität Frankfurt, Prof. Dr. Johannes Pantel: "Man kann natürlich ältere Menschen bitten zuhause zu bleiben, aber man kann sie nicht dazu zwingen. Das ist verfassungswidrig. (…) Wir müssen weg von dieser rhetorischen Anspielung 'die Alten können das nicht für sich entscheiden'. (…) Die soziale Isolation hat nachweislich einen erheblichen, negativen Effekt auf den Verlauf der meisten chronischen körperlichen Erkrankungen. Sie kann sogar das Immunsystem schwächen und die Infektionsanfälligkeit erhöhen."
  • NRW-Minister für Gesundheit, Arbeit und Soziales Karl-Josef Laumann der CDU: "Ich habe mich nicht für eine Aufnahmesperre entschieden, wie es Bayern und Niedersachsen gemacht haben." Grund dafür ist der Bedarf an Plätzen in Pflegeheimen. Man wolle Menschen weiterhin ein Leben in der täglichen Pflege ermöglichen, die dringend darauf angewiesen sind. Darüber hinaus will man in Krankenhäusern Platz schaffen. Platz vor allem für die Welle an Corona-Infizierten, die noch zu erwarten ist. Auch die erforderlichen Schutzmaßnahmen sollen gegeben werden.  Deswegen schreibt die Regierung in NRW nun vor, dass Krankenhäuser testen müssen und Patienten 14 Tage isoliert werden, bevor eine Verlegung ins Pflegeheim möglich ist.
  • Prof. Dr. Gerd Fätkenheuer, Ärztlicher Leiter der Klinischen Infektiologie Uniklinik Köln fordert Laumann zu einer Erklärung auf, weshalb Deutschland noch keine Schutzkleidung selber produziert. Die Antwort: Vlies sei Mangelware. Fätkenheuer betont: "Wir haben bisher viel über Mängel in der Verwaltung gesprochen. Ich denke wir müssen von medizinischer Seite Lösungen finden, wie wir aus dieser Situation besser herauskommen. Biomedizinische Lösungen – Tests, sind da natürlich ein ganz wichtiger Punkt."
  • Präsident des bpa - Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste, Bernd Meurer: "Die Pandemiepläne sind nicht erst jetzt in den letzten acht Tagen entstanden. Aber diese Menge und diese Vehemenz, die auf die Einrichtungen zukommt, bringt uns natürlich bei den Schutzartikeln ganz schnell an Grenzen. Teilweise ist es so, dass die Pflegeeinrichtungen die Schutzmasken für die Mitarbeiter haben nähen lassen. Schutzartikel bei dieser Art von Infektion ist natürlich ein Nadelöhr. Es ist eigentlich ein Wettlauf der Zeit. Wir hoffen, dass die Masken vor der großen Welle der Ansteckungen da sind.
  • Altenpflegerin Silke Behrendt-Stannies beschreibt Deutschland als einen guten Markt, auf dem Pflegeheime weniger als eine Notwendigkeit für das Gemeinwesen betrachtet werden, sondern viel mehr als profitable Einrichtungen mit hohen Renditeerwartungen gelten. "Fünfzig Prozent der Pflegeanbieter in der Bundesrepublik sind kommerziell. Das ist fatal und jetzt im Moment tatsächlich tödlich. Alles das was nicht gehört wurde in den letzten Jahren, alles das was wir gesagt haben, fällt uns jetzt auf die Füße. Für mich wird die spannende Frage bleiben, wie man die Zeit nach der Beendigung der Pandemie, die für uns noch eine ganze Weile in den Seniorenzentren andauern wird, gestaltet. Wir werden es erleben, an jedem Morgen, wie sich unsere Gesellschaft tatsächlich aufstellt für das Gesundheitssystem."

Fazit

An diesem Montag steht in der Sendung zum Thema COVID19 weniger die Lösungsfindung im Vordergrund als vielmehr das Auflisten der aktuellen Missstände im aktuellen Pflege- und Gesundheitssystem. Die Empörung ist groß. Der einzige Politiker in der Runde steht immer wieder unter Beschuss und ist bemüht die Gründe zahlreicher Probleme aufzuklären und Zuversicht zu schaffen.

Der "Talk-Schlichter" Frank Plasberg betont dabei immer wieder, es geht nicht um das Finden einer Lösung, sondern lediglich darum Licht ins Dunkel zu bringen. Beleuchtet wird dabei ganz deutlich die dunkle Tatsache, dass die Exit-Strategie aus der Krise über ein neues, für Krisen gewappnetes Gesundheitssystem führen muss, da das derzeitige System dem Kampf kaum gewappnet scheint.