Was soll der hysterische Tatendrang?

Es ist okay, zuhause zu sein und nicht auszumisten, Yoga zu machen oder ein besserer Mensch zu werden!

Einfach mal die Beine hochlegen - das ist völlig okay, sagt RTL-Redakteurin Jolanda Ost.
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25. März 2020 - 13:12 Uhr

von Jolanda Ost

Das Coronavirus hat unseren Alltag weitgehend stillgelegt. Treffen mit Freunden, Sportkurse, Familienessen – all das gibt's nicht mehr. Stattdessen gibt's jetzt Selbstfindung, Homeworkouts und Frühjahrsputz in der Extremvariante. Den Eindruck macht zumindest mein Instagram-Feed seit Beginn des "Social Distancing" und gefühlt wird es jeden Tag schlimmer. Ich werfe dann einen Blick auf mich, wie ich um 15 Uhr wieder (oder immer noch?) im Schlafanzug im Bett liege, die 8. Folge meiner Lieblingsserie gucke und die einzige Aufräumaktion in meinem Alltag darin besteht, die Chipskrümmel von meiner Bettdecke zu beseitigen. Und das ist auch gut so!

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Vor ein paar Wochen war Nichtstun noch ein Luxusgut

Noch vor ein paar Wochen war es vollkommen in Ordnung, an freien Tagen mal zu sagen: "Boah, heute verlasse ich mein Bett nicht. Ich ziehe meine Jogginghose nicht aus, esse Tiefkühlpizza und lasse mich von irgendeiner schlechten Netflix-Komödie berieseln." Und jetzt? Jetzt fängt plötzlich jeder an, täglich seine zwei Seiten lange To-do-Liste abzuhaken und sich bloß nicht vor 22 Uhr ins Bett zu legen. "Man braucht ja weiterhin eine Routine und einen geregelten Tagesablauf", begründen unzählige Menschen in meinem Instagram-Feed um 10 Uhr morgens ihre fertig geputzte Wohnung und die bereits erledigte Online-Yogastunde. Aber warum zur Hölle?

An diese Ausnahmesituation muss man sich erst einmal gewöhnen

Die aktuelle Situation hat so noch niemand von uns erlebt. Wir sind es gewohnt, uns draußen frei zu bewegen und die Menschen zu sehen, die wir möchten. Und vor allem, wann und wo wir möchten. Es ist doch vollkommen normal, dass wir uns alle erst einmal an diese Ausnahmesituation gewöhnen müssen. Dass uns nicht von Tag 1 an die Motivation packt, all das zu erledigen, was wir im normalen Alltagsstress irgendwie nie geschafft haben. Dass wir Momente haben, in denen wir unsere Liebsten vermissen und uns einfach nur ins Bett verkriechen wollen. Dass wir keine Lust auf die dritte Videokonferenz mit Freunden haben, damit wir die soziale Interaktion auf unserer To-do-Liste abhaken können. Und dass wir genervt sind von all den Leuten, die sich voller Panik Beschäftigung suchen.

Die einen arbeiten, die anderen klimpern auf ihrem neuen Instrument herum

Ich selbst arbeite im Homeoffice und bin doppelt und dreifach genervt von dem hysterischen Tatendrang. Für mich ändert sich nicht viel an der Situation, außer, dass ich alles von zuhause aus mache. Ich arbeite aber trotzdem acht Stunden am Tag und bin danach so geschafft wie nach einem Tag im Büro. Und ich freue mich nach wie vor darauf, am Wochenende und im Feierabend nichts zu tun. Wenn ich dann von meinem Nachmittagsschläfchen aufwache, weil mein Nachbar mit einem Sack Blumenerde unter dem einen und seiner neu erworbenen Gitarre unter dem anderen Arm durch das Treppenhaus poltert, könnte ich durchdrehen.

Es ist verdammt nochmal okay, faul zu sein!

Also lassen wir uns nicht unter Druck setzen von all den Isolations-To-Dos und machen wir einfach das, worauf wir Lust haben. Es ist okay, nicht jeden Tag eine Stunde mit einem tiefgründigen Podcast auf den Ohren durch den Wald zu spazieren und nach jedem 5. Schritt einmal tief ein- und auszuatmen, um sich selbst zu finden. Es ist okay, nicht plötzlich zur Bastelfee und zum Heimwerker zu werden. Es ist verdammt nochmal okay, faul zu sein, den ganzen Tag lang (oder eben den ganzen Feierabend lang) im Bett zu verbringen und das zu tun, was in Zeiten vor dem Coronavirus noch gefühlt jeder am liebsten den ganzen Tag gemacht hätte!