Krimi von Sophie Hénnaf

So zauberhaft ist das "Kommando Abstellgleis" um Kommissarin Anne Capestan

Kommando Abstellgleis von Sophie Hénnaf
Kommando Abstellgleis von Sophie Hénnaf
© penguinrandomhouse

06. Juli 2021 - 11:19 Uhr

Abgeschobene Ermittler

Was macht man mit all den Leuten, die auf ihrem Weg ins Straucheln geraten sind? Die aufgrund privater Verfehlungen oder schwerer beruflicher Fehler in Ungnade gefallen sind? Deren Schwächen so offensichtlich sind, dass sie ihre Fähigkeiten zu überdecken scheinen? Und die man nicht feuern kann?

Man packt sie alle zusammen mit einem Stapel alter ungelöster Fälle in eine Abteilung, weit abseits vom Schuss in eine eigene Abteilung und hofft, dass sie dieses Zeichen verstehen und sich bis zur Pensionierung ruhig verhalten.

Von Tobias Elsaesser

Eine bunte Mischung

Und so findet sich Kommissarin Anne Capestan, einst vielversprechende Ermittlerin, nach dem Ende einer internen Ermittlung gegen sie in einer schäbigen Pariser Wohnung mit ein paar Kisten verstaubter Akten wieder. Offiziell soll ihre Einheit 40 Leute zählen, sie hofft auf 20, es kommen drei.

Da ist zum einen Torrez, von allen nur "Schlehmihl" genannt, da bisher jeder seiner Partner zu Tode gekommen ist und keiner mehr mit ihm zusammenarbeiten will. Torrez scheint selbst an diesen "Fluch" zu glauben und hält immer ausreichend Sicherheitsabstand zu seinen Kollegen. Dann ist da Eva Rosierre, die mit einer Reihe von Kriminalromanen und deren Verfilmungen Millionen gemacht hat. Damit ist sie aber so ziemlich allen bei Polizei und Staatsanwaltschaft auf die Füße getreten. Sie müsste nicht mehr arbeiten, aber seitdem ihr Sohn ausgezogen ist, fällt ihr daheim die zu große Decke auf den Kopf. Und schließlich ist da noch Louis-Baptiste Lebreton von der Dienstaufsicht. Er hat das interne Ermittlungsverfahren gegen Capestan geführt hat. Bei all der Gründlichkeit seiner Untersuchung gegen sie stellt sich die Kommissarin die Frage, wie es diesen Mann bloß ihre "Losertruppe" verschlagen hat…

Gegen alle Widerstände

Aus dem Wust meist belangloser ungeklärter Bagattell-Delikte, stechen zwei Mordfälle hervor. Also macht sich das Team an die Arbeit, stoßen bald auf neue Hinweise, aber auch auf Widerstände und Verachtung. Immer wieder wird Anne Capestan von oben deutlich gemacht, dass Engagement seitens ihrer Einheit nicht gewünscht ist. Dies zeigt Wirkung, die Abgeschobenen – mittlerweile um ein paar traurige Gestalten wie den Alkoholiker Merlot und die Spielerin Evrard angewachsen – zweifeln an ihren Fähigkeiten.

Doch Anne Capestan hätte nicht einst eine steile Karriere vor sich gehabt, wäre sie nicht in der Lage, ihr Team zusammenzuschweißen und ihnen neues Selbstvertrauen einzuflößen. Und je weiter die Ermittlungen fortschreiten, drängt sich ihr der Verdacht auf, dass es mit ihrer "Abstellgleis-Abteilung" vielleicht doch mehr auf sich hat.

Die französische Autorin Sophie Hénnaf hat in ihrem Krimi "Kommando Abstellgleis"* ein ganz zauberhaftes Ermittler-Ensemble geschaffen. Das "Kommando Abstellgleis" ist ein Sammelsurium skurriler Charaktere, die – so unterschiedlich sie sind – eines gemeinsam haben: Sie haben einen Makel, sind Gescheiterte, nicht aufgrund mangelnder Fähigkeiten, sondern aufgrund Ecken und Kanten ihres Charakters, die sie zu dem machen, was sie sind.

Nonkonformisten, die außer sich selbst niemandem mehr etwas beweisen müssen. Spezialisten in ihrem Fach, die zur Hochform auflaufen, sobald sie merken, dass jeder der anderen sie so nimmt, wie sie sind.

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