Slowenien ist überfordert: "Es ist ein endloser Flüchtlingsstrom"

29. Dezember 2015 - 15:25 Uhr

Dirk Emmerich berichtet aus Slowenien

Alleine über das kleine Grenzdorf Rigonce im Osten Sloweniens reisten innerhalb von zwei Tagen 13.000 Menschen ein. Tausende wollen auch weiterhin über die Balkanroute nach Österreich und Deutschland.

"Wie weit ist es noch? Wir sind seit drei Uhr zu Fuß unterwegs. Ohne etwas zu essen und zu trinken. Wir sind ausgelaugt…" Es ist 10 Uhr vormittags. Lubna hat ihren vierjährigen Sohn Ahmed an der Hand. Sie kommen beide aus der Nähe von Aleppo in Syrien und sind seit zehn Tagen unterwegs. Die slowenische Polizei geleitet die beiden mit circa 2.500 weiteren Flüchtlingen von der Grenze über einen Feldweg nach Brezice. Dort befindet sich ein Auffanglager. Es sind noch drei Kilometer bis dahin, also etwa eine Stunde.

Lubna erzählt, wie im vergangenen Winter ihr Haus bei einem Luftangriff zerstört wurde. Ihr Mann Mohammed wurde dabei schwer verletzt, lag anschließend lange im Krankenhaus. Vor zweieinhalb Monaten ist er dann aufgebrochen, zunächst alleine. Über die Balkan-Route, die damals noch über Ungarn führte, ist er nach Deutschland gekommen, wo er Ende August Stuttgart erreichte. Dort sei alles gut.

Lubna und Mohammed sprechen so oft wie möglich. Sie teilt sich ein Smartphone mit anderen Flüchtlingen. Ahmed, ihr kleiner Sohn, so erzählt sie, fragt täglich nach seinem Vater. "Wir sind eine Familie. Wenn wir in Stuttgart wieder zusammen sind, beginnen wir ein neues Leben. Ohne diesen verdammten Krieg und die Angst."

Doch zunächst geht es hier in Slowenien in das Auffanglager Brezice, das Lubna mit den anderen gegen 12 Uhr erreicht. Sie müssen alle auf ein kaserniertes Gelände, das mit Zäunen abgesperrt ist. Davor ein halbes Dutzend Schützenpanzer und gemischte Patrouillen der Polizei und der Armee. Die Regierung in Ljubljana beschloss am Wochenanfang das Militär zur Unterstützung in die Grenzregionen zu entsenden. Der kleine EU-Staat ist überfordert. Maximal 2.500 Flüchtlinge können können pro Tag aufgenommen werden. In den vergangenen Tagen waren es konstant mehr als 10.000, die über die Grenze aus Kroatien kamen. Die Stimmung ist gereizt.

Im Auffanglager Brezice gibt es zu wenig Schlafmöglichkeiten, zu wenig Verpflegung, zu wenig Informationen. Ohne die freiwilligen Helferinnen und Helfer wäre die Lage noch weitaus schlimmer. Bettina Zillinger kommt aus Wien und hat sich mit drei anderen freiwilligen Helfern zu einer Gruppe zusammengetan. Sie sind auf eigene Faust hier. Eine islamische Vereinigung in Österreich hat 1.500 Lunch-Pakete gespendet, die sie hierhergebracht und verteilt haben. Die junge Wienerin berichtet, dass manche Flüchtlinge tagelang nichts gegessen haben.

Höchste Zeit für gesamt-europäischen Lösungsansatz

Viele der Flüchtlinge mussten auch heute wieder im Freien übernachten, und das bei Temperaturen um vier Grad. Es gibt mehrere Feuerstellen, an denen sie sich wärmen. Die Polizei duldet das inzwischen wieder, nachdem die Flüchtlinge hier am Mittwoch zwei Drittel der Zelte in Brand gesetzt hatten. Aus Protest gegen die schlechten Bedingungen, und um Druck zu machen, das Lager wieder schnell verlassen und weitergehen zu können - Richtung Österreich.

Am frühen Nachmittag droht die Stimmung unter den Flüchtlingen zu kippen. "No Stay, No Stay"-Rufe sind zu hören und auch "Go To Vienna, Go To Vienna". Die Polizei setzt Reizgas ein, um die Lage nicht weiter eskalieren zu lassen. Die Feuerwehr steht ebenfalls bereit, falls erneut jemand versuchen sollte, die Zelte anzuzünden. "Lasst uns hier raus, wir wollen Freiheit, ein besseres Leben, das in Syrien nicht möglich ist. Versteht ihr das denn nicht?" Saad ist 32, ein Ingenieur aus Homs, der mit seiner Frau und den beiden Söhnen unterwegs ist. Hinter dem Gitterzaun wirkt er verzweifelt und den Tränen nahe. Europa hatte er sich anders vorgestellt.

Die Polizei errichtet einen "Sicherheitskorridor" zwischen den Flüchtlingen hinter dem Gitterzaun und den Journalisten. Zu enger Kontakt ist unerwünscht seitens der slowenischen Sicherheitskräfte. Am späten Nachmittag endlich gibt es Bewegung. Im 20-Minuten-Takt werden Flüchtlingsgruppen unter Polizeischutz zu den jetzt bereitstehenden Bussen geführt, die Richtung Maribor und von dort aus weiter an die österreichische Grenze fahren. Vielleicht sitzen auch Lubna und ihr Sohn Ahmed in einem der Busse, vielleicht können sie auch erst morgen weiterfahren.

Der Bürgermeister von Brezice, Ivan Molan Zupan, ist eng in diese Logistik-Prozesse mit einbezogen. Seine Leute arbeiten Tag und Nacht, seitdem Ungarn die Grenze zu Kroatien geschlossen hat, und die Flüchtlinge nun den Weg über Slowenien nehmen. Er bemängelt jedoch die mangelnde Unterstützung seitens der Regierung in Ljubljana und findet es unverantwortlich, dass Kroatien nicht einmal richtig über die Flüchtlingsströme informiert, die sie einfach ins Nachbarland weiterleiten.

Auch in der nächsten Woche werden tagtäglich circa 10.000 Flüchtlinge in Slowenien erwartet. Lange können sie das so nicht durchhalten, sagt Ivan Molan Zupan und fragt: "Warum holt Deutschland eigentlich die Flüchtlinge nicht direkt mit Zügen aus Serbien oder Kroatien, wenn sie tatsächlich alle dort willkommen sind? Das wäre für die Menschen viel humaner."

Wäre das eine Lösung? Nein, kaum. Es ist aber wohl ein ernstzunehmender Notruf, der zeigt welche Eigendynamik der nicht mehr zu stoppende Flüchtlingsstrom inzwischen angenommen hat. Es ist höchste Zeit für einen gesamt-europäischen Lösungsansatz zur Meisterung dieser historischen Herausforderung. Gelingt das nicht, könnte diese Eigendynamik außer Kontrolle geraten. Wir stehen kurz davor.