"Verbraucht zu viel Energie"

Jubel-Verbot für deutsche Tournee-Hoffnung Geiger

01.01.2020, Skispringen Vierschanzentournee, Neujahrsspringen in Garmisch Partenkirchen auf der großen Olympiaschanze,
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2. Januar 2020 - 21:34 Uhr

'Geiger Karle' kein Hannawald

Sven Hannawald feierte seine Sprünge nach der Landung immer ordentlich ab. Dampf ablassen, Emotionen rausschreien, lautete Hannawalds Devise. Damals, in der Saison 2001/02, als der DSV-Adler als erster Skispringer überhaupt alle vier Springen der Vierschanzentournee gewann. 18 Jahre später könnte Karl Geiger als erster Deutscher seit Hannawald die prestigeträchtige Serie gewinnen. Vor dem dritten Wettkampf in Innsbruck liegt der 26-Jährige nur knapp hinter Ryoyu Kobayashi aus Japan. Abfeiern tut der 'Geiger Karle' allerdings nicht – vorerst jedenfalls.

Kühlschrank-Mentalität im Hexenkessel

Anders als Hannawald hat sich Geiger auf Anraten von Bundestrainer Stefan Horngacher eine Art Feierverbot auferlegt. Nach einem gelungenen Sprung darf nur kurz gejubelt werden, dann soll sich der Vize-Weltmeister des Vorjahres bitte wieder auf den nächsten Sprung konzentrieren. Die Tournee kostet schließlich Körner.

"Wenn man sich zu sehr freut, wenn man zu viele Emotionen rausgibt, der Adrenalinspiegel zu hoch wird, dann verbraucht man einfach zu viel Energie", erläuterte Horngacher bei einer Presserunde vor dem dritten Springen in Innsbruck seine Kühlschrank-Mentalität. Der Österreicher sprach nüchtern wie immer – womöglich die richtige Herangehensweise, um im Hexenkessel am Bergisel klaren Kopf zu bewahren.

15.12.2019, Sachsen, Klingenthal: Ski nordisch/Skispringen: Weltcup, Großschanze, Männer, 2. Wertungsdurchgang, in der Vogtlandarena in Klingenthal. Stefan Horngacher, Skisprung-Bundestrainer Männer, hebt die Fahne auf dem Trainerturm. Relaxen ist ni
Österreicher mit Kühlschrank-Mentalität: Skisprung-Bundestrainer Stefan Horngacher.
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Geiger hat gute Erinnerungen an Innsbruck

Die tückische Schanze in Innsbruck hat schon viele Tournee-Träume verschlungen. Martin Schmitt etwa reiste 1999 mit Siegen aus Oberstdorf und Garmisch nach Tirol, ehe er am Bergisel regelrecht abstürzte.

Geiger soll das nicht widerfahren. Warum auch? Der Team-Weltmeister von 2019 ist in bestechender Form, ein Sprung läuft wie der andere. Hinzu kommt: An Innsbruck hat Geiger gute Erinnerungen. Im Vorjahr gewann er am Bergisel hinter Markus Eisenbichler WM-Silber, holte Gold mit der Mannschaft. "Das war damals ein wahnsinniges Wochenende", erinnert sich die deutsche Tournee-Hoffnung. Geiger weiß aber auch, dass der Bergisel ein bockiger Bakken sein kann. Bei der WM sei es sehr gut gelaufen, "aber ich hatte da auch schon zähe Wettkämpfe".

Geiger kennt die Statistik: Bei der Tournee sprang in Innsbruck für ihn noch nie mehr als ein 12. Platz heraus. Der Skisprung-Realo will sich daher von der Euphorie und der Chance, als erster DSV-Adler seit Hannawald die Tournee zu gewinnen, nicht kirre machen lassen. "Noch versuche ich, die Gesamtwertung auszublenden, denn das ist die erste Chance, dass man sich ablenken lässt. Dass ich noch im Rennen bin, ist aber ein sehr gutes Zeichen."

Tournee lässt sich auch mit zweiten Plätzen gewinnen

Im Rennen ist er in der Tat. Nur 6,3 Punkte liegt Geiger in der Gesamtwertung hinter dem japanischen Überflieger Kobayashi, der im Vorjahr als dritter Springer nach Hannawald und Kamil Stoch (Polen) den Grand Slam bei der Tournee geschafft hatte.

Bei seinem Heimspiel in Oberstdorf und beim Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen wurde Geiger jeweils Zweiter. So kann's weitergehen, denn die Tournee lässt sich auch ohne Tagessieg gewinnen, wenn man konstant bleibt. "Wenn der Karle immer Zweiter wird und dann die Tournee gewinnt, ist es auch wurscht", brachte es 'Eisei' Eisenbichler auf den Punkt.

Tournee-Rekordsieger Janne Ahonen etwa gewann 1998/99 im Gegensatz zu Schmitt nicht ein Springen – und stand in der Gesamtwertung am Ende doch ganz oben.