Skandalurteil in der Schweiz

Frau wird vergewaltigt - Richterin gibt Opfer Mitschuld

06. August 2021 - 12:27 Uhr

Die Frau soll "mit dem Feuer gespielt haben," heißt es in der Urteilsbegründung

Stellen Sie sich vor, Sie werden als Frau von einem Mann vergewaltigt. Erstmal wird der dafür verurteilt. Dann aber legt er Berufung ein. Und: Die Strafe wird abgemildert. Die Begründung: Die Richterin findet, das Opfer trage eine Mitschuld. Weil sie, so heißt es "Signale an Männer ausgesendet habe". Dieser Fall sorgt gerade in der Schweiz für einen Aufschrei.

Opfer im RTL-Interview: "Trag ich jetzt eine Schuld? Bin wirklich ich Schuld?"

Frau wird vergewaltigt, Täter legt Berufung ein, Richterin gibt Opfer Mitschuld und mildert Strafmaß.
© RTL

Im RTL-Interview spricht das Vergewaltigungsopfer. Die Frau möchte nicht erkannt werden, zieht ihre Kapuze so hoch, dass nicht ein Haar von ihr zu sehen ist. Als müsse sie etwas verstecken oder Sorge haben, vielleicht nach dem Interview angefeindet zu werden. Dabei ist diese Frau ein Opfer, die von zwei Männern zum Sex gezwungen wurde.

Zur Tat: Im Februar 2020 feiert die Schweizerin in einem Club. Auf dem Weg nach Hause trifft sie einen Bekannten, fährt mit ihm und einem weiteren Mann mit der Bahn, sie steigen gemeinsam aus, die Männer begleiten sie bis kurz vor ihre Haustüre. Dann passiert es: Die beiden vergewaltigen sie. Elf Minuten lang.

"In dem Moment denkt man nur noch: Es soll aufhören. (...) Man versucht einfach nur sich zu wehren. (...) Ich habe mich sehr beschmutzt gefühlt", erzählt die 33-Jährige.

Einen der Täter kannte das Opfer, vertraute ihm

Skandalurteil in der Schweiz: Vergewaltigungsopfer soll Mitschuld an Tat haben. (Symbolbild)
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Die 33-Jährige zeigt die Männer daraufhin an, ein Gericht in Basel verurteilt den Älteren, den damals 31-jährigen João P., zu vier Jahren und drei Monaten Haft. Der zweite mutmaßliche Täter (17) muss sich demnächst vor einem Jugendgericht verantworten. Als der Ältere aber Berufung gegen das Urteil einlegt und das Opfer von der Richterin das neue Strafmaß hört, kann die 33-Jährige erstmal gar nicht fassen, was da in dem Moment vor sich geht:

"Das war für mich sehr schwierig damit umzugehen und sehr schockierend, so dass ich mich selbst gefragt habe: Trag ich jetzt eine Schuld? Bin wirklich ich Schuld? Das war für mich eine sehr schwierige Situation."

Einen Grund dafür sieht die Gerichtspräsidentin im Verhalten des Opfers selbst. Die junge Frau sei vor der Tat in einem Club mit einem dritten, unbeteiligten Mann auf der Toilette verschwunden. In der Urteilsbegründung heißt es, die Frau soll "mit dem Feuer gespielt haben".

Die weitere unfassbare Begründung: Die Tat habe nicht lange gedauert und zu keinen bleibenden physischen Verletzungen geführt. Der Täter kommt in ein paar Tagen wieder auf freien Fuß. Für Frauenrechtlerinnen ein fatales Signal, schließlich werden schon jetzt 90 Prozent der angeklagten Täter in Vergewaltigungsprozessen freigesprochen.

Urteil ist fatales Signal für Mädchen und Frauen

Opferanwältin Miriam Riegger im RTL Interview: "Das Berufungsurteil erachte ich als Opfervertreterin für sehr problematisch und ich kann es nicht nachvollziehen. Weil der Lebenswandel einer Person, eines Opfers sollte bei einem Delikt dieser Art keine Rolle spielen . Ein Nein ist ein Nein, unabhängig vom Lebenswandel des Opfers."

Laut "Blick" hat sich das Baseler Landgericht nun zu dem Urteil geäußert, "da in der Öffentlichkeit 'Missverständnisse' entstanden seien." (...) Nicht die Richterin allein hätte die Strafe reduziert, "Das Urteil wurde von einem Dreiergericht gefällt. Das Gericht muss eine Gesamtbeurteilung aller Kriterien vornehmen. Es gibt keine mathematische Formel zur Bestimmung einer Strafe. Und so wie nicht jeder Dieb die gleiche Strafe erhält, wird auch bei Vergewaltigungen jeweils nicht die gleiche Strafe ausgesprochen. Bei der Strafe würden stets die Schwere der Verletzung, die Verwerflichkeit des Handelns, die Beweggründe und Ziele des Täters berücksichtigt. Auch stehen die Auswirkungen der Strafe auf das Leben des Täters im Diskussionsraum."

Menschenrechtsaktivistin Inge Bell von "Terre des Femmes" hält dieses Urteil für fatal: "Der Fall geht gerade groß durch die Presse und sendet dieses Signal aus an die Mädchen und Frauen: Wenn du eine Vergewaltigung erlebt hast, dann zeig besser nicht an. Denn an dir klebt Scham und Schande, aber der Täter wird sowieso freigelassen – frühzeitig freigelassen, oder kriegt nur ein ganz mildes Strafmaß, wenn überhaupt."

Für das 33-jährige Opfer aber ist trotzdem klar: Sie würde ihre Vergewaltiger wieder anzeigen, damit sich Fälle wie ihrer in Zukunft nicht wiederholen. (mca)