Skandal-Urteil in den USA: 30 Tage Knast für tödliches Cyber-Mobbing

23. Mai 2012 - 18:59 Uhr

Sex-Video ins Netz gestellt

Dharun Ravi filmte heimlich seinen schwulen Mitbewohner und veröffentlichte das Material bei Facebook. Sein Opfer, Tyler Clementi, sprang daraufhin von einer Brücke in den Tod. In New Jersey wurde nun das Strafmaß gegen Ravi verkündet: Er muss lediglich für 30 Tage ins Gefängnis, Sozialstunden ableisten und eine Geldstrafe zahlen. Dabei wurde erwartet, dass der Angeklagte bis zu zehn Jahre hinter Gitter muss.

Tyler Clementi, Cyber-Mobbing.
Als schüchternen, freundlichen Jungen beschreiben Bekannte Tyler Clementi, der als talentierter Violinist galt.
© Splash News/Facebook

Ravi war im März in 15 Anklagepunkten schuldig gesprochen worden, unter anderem der Begehung eines sogenannten Hassverbrechens, Einschüchterung, Eingriff in die Privatsphäre und Unterschlagung von Beweisen, berichtet das Nachrichtenportal spiegel online.

"Ich habe die Jury 288 Mal 'schuldig' sagen hören. 24 Fragen, zwölf Geschworene. Ich habe aber nie gehört, dass Sie sich entschuldigt hätten", so der Richter. Trotzdem war er dagegen, Ravi in sein Heimatland Indien abzuschieben. Die Staatsanwaltschaft hat nun angekündigt, Berufung gegen das Strafmaß einzulegen. Die Mittäterin und ehemalige Mitbewohnerin des Verurteilten, Molly Wei, arbeitet mittlerweile an einem Interventionsprojekt, um eine Haftstrafe zu umgehen.

Als schüchternen, freundlichen Jungen beschreiben Bekannte Tyler Clementi, der als talentierter Violinist galt. Seine Facebook-Seite war nur für Freunde zugänglich - Privatsphäre im Web war ihm offenbar wichtig. Doch diese wurde ihm genommen - mit verheerenden Folgen.

Am 19. September wollte Clementi einige Stunden alleine sein und bat seine Mitbewohner Dharun Ravi und Molly Wei, ihm die gemeinsame Wohnung zu überlassen. Kurze Zeit später postet Ravi über seinen Twitter-Account: "Mein Mitbewohner wollte unser Zimmer bis Mitternacht haben. Ich bin in Mollys Zimmer gegangen und habe meine Webcam eingeschaltet. Ich sah, wie er mit einem anderen Typen rumgemacht hat. Yeah."

Doch damit nicht genug. Das Sex-Video stellen die beiden ebenfalls online. Die Internetgemeinschaft 'feiert' sie dafür. Anders Tyler Clementi. Für ihn ist das alles zuviel. Sein öffentliches, ungewolltes Outing erträgt der 18-Jährige nicht. Wenige Tage nach der Video-Veröffentlichung springt er von der New Yorker George-Washington-Brücke in den Tod. In seinem Auto findet die Polizei eine Nachricht auf seinem Handy: "Ich springe jetzt, sorry", so der Text, den Tyler auf seinem Facebook-Profil postet.

Jeder dritte Jugendliche ist ein Opfer

In Deutschland gibt es noch keine Straftatbestände, die sich speziell auf Cyber-Mobbing beziehen. Allerdings gibt es im Strafgesetzbuch eine Vielzahl, die beim Cyber-Mobbing erfüllt sein können: Beleidigung, üble Nachrede, Verleumdung und Nachstellung.

Eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse zeigte 2011 erstmals die enormen Ausmaße von Internet-Mobbing. Demnach waren 32 Prozent der befragten Jugendlichen zwischen 14 und 20 Jahren in Deutschland bereits einmal Opfer einer Mobbing-Attacke im Netz. Erstaunlich: 21 Prozent der Befragten konnten sich sogar vorstellen, im Internet selbst zum Täter zu werden.

Sabine Krimpmann, Social-Media-Expertin von RTL interactive, gibt zu bedenken, dass soziale Netzwerke den Menschen lediglich eine Plattform bieten für etwas, das es schon immer gab. Lästern, Beleidigen, Hetzen und Lynchen seien keine Erfindungen des Internet. "Durch die sozialen Netzwerke finden sich Menschen 'mit einer Mission' heute wesentlich leichter und schneller. Die Organisation einer Hetzjagd findet virtuell statt – Fackeln rausholen und die Hexe verbrennen müssen die Leute aber immer noch selbst."

Der Landesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit (LDI) in NRW, Ulrich Lepper, sagte RTLaktuell.de: "Cyber-Mobbing stellt ein immer größer werdendes Phänomen und Problem des Internets dar. Es reicht von Beleidigungen über üble Nachrede bis hin zum Aufruf einer Hetzkampagne. Welche Gefahren, insbesondere für die Opfer, damit verbunden sind, scheint dabei in vielen Fällen keine Rolle zu spielen."

Für die Opfer gelte es, schnellstmöglich aktiv zu werden und die Betreiber der betreffenden Internetseiten zur Löschung aufzufordern. Auf manchen Internetseiten hätten die Betreiber zu diesem Zweck bereits einen Alarm-Button integriert. Es sei auch Aufgabe der Seitenbetreiber, auf die auf Ihren Homepages veröffentlichten Inhalte zu achten und schnell zu reagieren. "Je länger etwas im Netz steht, desto höher ist der Verbreitungsgrad, und umso schwieriger wird es, der Verbreitung Herr zu werden", so der Datenschutzbeauftragte.