Skandal um Ost-West-Handel: Westdeutsche Firmen sollen von DDR-Zwangsarbeit profitiert haben

Aus den Stasi-Akten geht eindeutig hervor, dass auch Aldi Waren von einem DDR-Betrieb bezog, der Häftlinge zur Arbeit einsetzte.
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16. Februar 2016 - 14:32 Uhr

"Ikea war nur die Spitze des Eisberges"

Sehr viel mehr westdeutsche Firmen als bisher bekannt profitierten von der Zwangsarbeit politischer Häftlinge in der DDR. Das berichtet das ARD-Politikmagazin 'Report Mainz' unter Berufung auf eine noch unveröffentlichte Studie der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU).

Danach ließen zahlreiche BRD-Firmen aus der Konsumbranche, aus der Möbelindustrie, Versandhäuser, etc. billig in DDR-Betrieben produzieren. Vor allem während der Ära Honecker in den 70er und 80er Jahren wurden Häftlinge zur Arbeit eingesetzt.

Das ist das Ergebnis eines einjährigen Forschungsprojekts der Stasi-Unterlagenbehörde. Der Bundesbeauftragte für Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, erklärte im Interview mit 'Report Mainz': "Das Forschungsprojekt hat gezeigt: Ikea war nur die Spitze des Eisberges. Es ist in der Studie deutlich geworden, dass sehr viel mehr Unternehmen als bis jetzt bekannt waren, in diesen Handel mit Waren, die durch Häftlinge in der DDR gefertigt worden sind, beteiligt waren." Historiker Tobias Wunschik sagte: "Es gab viele westliche Unternehmen, die dick im DDR-Geschäft waren. Die DDR war aus unternehmerischer Sicht ein Billiglohnland. Mehrere hundert westliche Firmen waren im Ost-West-Handel aktiv, viele haben dabei Waren aus der DDR bezogen, und in sehr viele dieser Waren war Häftlingsarbeit eingeflossen. Jährlich wurden mindestens 200 Millionen DM mit Waren umgesetzt, die allein auf Häftlingsarbeit beruhten."

Aus den Stasi-Akten geht hervor, dass auch Deutschlands führender Discounter Aldi Waren von einem DDR-Betrieb bezog, der Häftlinge zur Arbeit einsetzte. Es handelte sich um den VEB Esda Thalheim, der Strumpfhosen produzierte. Hier waren auch weibliche Gefangene des berüchtigten DDR-Frauenzuchthauses Hoheneck zur Zwangsarbeit eingesetzt. Auf 'Report Mainz'-Anfrage bestätigten Aldi Nord und Aldi Süd jetzt Geschäftsbeziehungen über DDR-Außenhandelsbetriebe mit dem VEB Strumpfkombinat Esda Thalheim.

"Wir bedauern und verurteilen aufs Schärfste die in der ehemaligen DDR offenbar übliche Praxis, politische Häftlinge und Strafgefangene unter Zwang für die Produktion von Waren einzusetzen", heißt es in der Stellungnahme von Aldi Nord. Ähnlich äußerte sich auch Aldi Süd.

Firmen in der Verantwortung

Skandal um Ost-West-Handel
Auch der Volkswagen-Konzern ist im Zusammenhang mit DDR-Zwangsarbeit von Häftlingen betroffen.
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Außerdem gibt es jetzt erste Belege, dass auch der Volkswagen-Konzern im Zusammenhang mit DDR-Zwangsarbeit von Häftlingen betroffen ist. Auf Anfrage von 'Report Mainz' bestätigte VW, im Zuge von Kompensationsgeschäften Lampen, Abdeckkappen und weiteres Material vom DDR-Betrieb VEB Kombinat Fahrzeugelektrik Ruhla erhalten zu haben. Der Betrieb sei mit der Herstellung von Rundscheinwerfern für den Golf und den Transporter von einem DDR-Handelsunternehmen beauftragt gewesen.

Im DDR-Betrieb VEB Fahrzeugelektrik Ruhla waren nach DDR-Dokumenten auch Gefangene zur Arbeit eingesetzt. VW erklärte dazu auf Anfrage von 'Report Mainz': "Volkswagen hat den Einsatz von Häftlingen in DDR-Betrieben weder veranlasst noch wissentlich gebilligt oder gar davon profitiert."

Auch wenn die Geschäftsbeziehungen der westdeutschen Firmen mit der DDR meist über Außenhandelsbetriebe abliefen und die DDR den Einsatz von Häftlingen geheim zu halten versuchte, liegt durchaus eine gewisse Verantwortung bei den Unternehmen. Der Bundesbeauftragte für Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, erklärte: "Wer sich mit der Diktatur eingelassen hat, Geschäfte gemacht hat, der konnte nie sicher sein, unter welchen Bedingungen die Produkte gefertigt worden sind."

Im Interview mit 'Report Mainz' forderte Jahn die Unternehmen auf, ihre Archive zu öffnen und die weitere Aufklärung finanziell zu unterstützen. "Die westdeutschen Firmen sollten mehr beitragen zur Aufklärung, damit Wiedergutmachung geleistet werden kann. All das muss im Detail aufgeklärt werden, damit auch dann Firmen in Verantwortung genommen werden können, angemahnt werden können, dass sie sich beteiligen an Bereitstellung auch von Finanzen."